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Trauminsel Taiwan

Den meisten ist Taiwan vor allem als Ursprungsland diverser Computer- und Handykomponenten bekannt. Dass es aber auch zum Traumerlebnis für Tourenradler werden kann, wissen die wenigsten.

Fototermin in Taipeh

Die Vorbereitung

Von meinen in Taipeh lebenden Freundinnen Zi-Yi und Chaohui hatte ich schon vor meiner Anreise erfahren, dass es einen landesweiten Radclub gibt, der regelmäßig Radtouren um die halbe bzw. um die ganze Insel anbietet. Da mein Chinesisch sich auf wenige Sätze wie „Ni hao“ (=Hallo) und „Wo hen e“ (Ich habe Hunger) beschränkt, lief die Kommunikation in der Regel auf Englisch. Übrigens sprechen sehr viele Taiwaner ein ausgezeichnetes Englisch, was vermutlich von der starken Bindung des Landes zu den USA herrührt. Vor der Tour hatte ich einen sehr umfangreichen Fragebogen (z.B. Alter, Größe, Gewicht, Hobbys, gesundheitlicher Zustand, Essensgewohnheiten,...) erhalten, so dass ich mir die Frage an meine Freunde nicht verkneifen konnte, ob dies tatsächlich für eine Radtour und nicht für eine Heiratsvermittlung gedacht sei.

Am 13. September flog ich von Frankfurt nach Taipeh. Die ersten beiden Tage dienten zur Akklimatisation und am Freitag fand ein Vortreffen für die Radtour statt. Geleitet wird „Bicycling in Taiwan (BIT)“ von Herrn und Frau Huang, die zusammen mit ihren Kindern vor einigen Jahren um die Welt geradelt sind. Der ein oder andere hat sie möglicherweise in Deutschland getroffen. Wir erhielten alle wichtigen Informationen zu der geplanten Tour und Herr Huang ließ alle Teilnehmer auf einem Fahrrad mit angeschlossenem Rollentrainer probestrampeln, mit dessen Hilfe man verschiedene Fahrsituationen (Ebene, bergab, bergauf) simulieren kann. Wer noch nicht über Radbekleidung verfügte, konnte sich am Abend damit eindecken.

Die Organisatoren der Tour, Familie Huang, radelte vor einigen Jahren mit ihren Kindern um die Welt

Die Westküste

Erster Tag (Taipeh – Hsinchu, 72 km, eben)

Samstags früh trafen wir uns gegen 6.30 Uhr. Am Vortage hatte man sich entscheiden können, ob man zusätzlich zum Fahrrad eine Lenkertasche, Trinkflasche, Kilometerzähler oder GPS-Gerät benötigt. Da ich bereits etwas älter bin, auf Landkarten schwöre (sie sind immer griffbereit, einfach zu bedienen und lassen einen nie im Stich) und ich es ganz interessant finde, mich auch mal zu verirren – wie kommt man besser ins Gespräch mit Einheimischen? – verzichtete ich auf letzteres.

Vor der Abfahrt informierte Herr Huang kurz über die bevorstehende Etappe und betonte, dass Sicherheit an erster Stelle stehe. Danach machten wir eine Aufwärmgymnastik und zum Schluss sangen wir zwei Lieder. Dieses Ritual wiederholte sich jeden morgen ab 6 Uhr mit dem Unterschied, dass noch ein Frühstück und das Packen dazwischen lagen. Die eingängige Melodie der Lieder beherrschte ich nach ein paar Tagen einigermaßen, aber mit dem Text, der in traditionellen Schriftzeichen geschrieben war, hatte ich bis zum Schluss Probleme.

Da ich in der Gruppe der einzige Europäer war, hatten die Huangs eine Sportjournalistin für ein Interview mit mir organisiert, welches am nächsten Tag in der Zeitung erschien. Dann ging es endlich los. Wir hatten feinen Nieselregen, der wegen der subtropischen Temperaturen recht angenehm ist. Am ersten Tag fuhr ich in Regenkleidung, später bin ich dazu übergegangen, nur im Radtrikot zu fahren.

Die Fitness der Teilnehmer war sehr unterschiedlich – vom blutigen Anfänger bis zum erfahrenen Tourenradler –, und so bildeten sich schon nach kurzer Zeit kleine Grüppchen. Viele Male wurde auf der Strecke angehalten und pausiert, wodurch die Tour für niemanden zur richtigen Qual wurde.

Da Taiwan nach Bangladesh das dichtest besiedelte Land der Erde ist, hatte ich den ganzen Tag den Eindruck, Taipeh überhaupt nicht zu verlassen. Eine Stadt nach der anderen reihte sich ununterbrochen aneinander. Auf den ersten (europäischen) Blick scheint der Verkehr ein einziges Chaos zu sein. Nicht selten kommen einem sogar Radfahrer oder Motorroller auf der eigenen Seite entgegen. Trotz des dichten Verkehrs hatte ich aber nie den Eindruck, von den vielen Autos oder Tausenden Rollern bedrängt, geschweige denn gefährdet zu werden. Jeder nimmt auf jeden Rücksicht, lässt ihn in den Verkehrsstrom einfädeln.

Rad fahren in der Großstadt hat es in sich

Zweiter Tag (Hsinchu – Yuanlin, 120 km, eben)

Das Wetter war wechselhaft. Doch wegen der hohen Temperaturen störte der Regen kaum. Auf der zweiten Etappe gab es zwischen den Städten auch kürzere, ländliche Abschnitte. Irgendwann spürte ich meinen Hintern und bereute es sehr, dass ich nicht meinen Ledersattel, der mich schon auf vielen Touren begleitet hat, mitgebracht habe.

Wir aßen in einem Klassenzimmer einer Schule zu Mittag. Jeder setzte sich auf einen kleinen Stuhl an ein hölzernes Einzeltischchen und aß mit großem Appetit. Danach waren noch ca. 30 Minuten Pause und die meisten, darunter auch ich, nutzten diese für einen Mittagschlaf. Dies war übrigens jeden Tag möglich, was ich jedes Mal sehr genoss.

Nachmittags legten wir noch einen Zwischenstopp an der historischen Bahnstation „JHUIFEN“ ein. Wenn ich die Erklärungen richtig verstanden habe, gibt es einmal im Jahr einen großen Run auf diesen Bahnhof, da man an diesem Tag eine Fahrkarte zu einem bestimmten Ort an der Ostküste lösen kann, und wegen der Kombination der Namen der beiden Stationen ein positiver Spruch entsteht, der bei Prüfungen für Schüler oder Studenten sehr nützlich sein soll. Leider kommt diese Information für mich um Jahre zu spät.

Die Gruppe am Bahnhof JHUIFEN

Dritter Tag (Yuanlin – Tainan, 134 km, eben)

Die Huangs waren so freundlich und hatten extra für mich Thomas Tsao gefragt, ob er bereit sei, die ganze Tour mit mir zu radeln und mir ab und zu etwas auf Englisch zu erklären. Thomas, ein ehemaliger Berufssoldat, ist Rentner. Bei seiner Pensionierung hatte er den Rang unterhalb eines Generals inne. Körperlich ist er topfit und in der Ebene hatte ich manchmal Probleme, mit seinem Tempo mitzuhalten. Meist fuhr er dann einen Schnitt um die 30 km/h.

Am dritten Tag setzten wir uns gleich von der Gruppe ab, denn es gab ein Sonderprogramm für uns beide. Wir fuhren in der gleißenden Sonne, und die Hitze in Kombination mit der für Europäer ungewohnt hohen Luftfeuchtigkeit machten mir zu schaffen. Die Bedingungen waren vergleichbar mit denen eines tropischen Gewächshauses in einem botanischen Garten.

Bereits am Vormittag ging ich dazu über, in Thomas Windschatten zu fahren. Dabei geschah es, dass ich an einer Kreuzung, an welcher Thomas anhielt, einen winzigen Augenblick nicht aufgepasst hatte. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen, kollidierte mit seinem Hinterrad und landete unsanft auf der Straße. Auch ihn hatte ich dadurch zu Fall gebracht. Mir war dies äußerst peinlich und ich entschuldigte mich sofort. Zum Glück war ihm nichts passiert und ich hatte nur ein paar kleine Kratzer an den Beinen.

Trotzdem bestand Thomas darauf, im nächsten Ort ein Krankenhaus zu suchen. Es entpuppte sich als das wahrscheinlich kleinste auf der ganzen Insel, denn es gab nur einen Arzt und eine Krankenschwester. Thomas war ganz fasziniert von dem „historischen“ Krankenhaus und schoss einige Bilder. Nichtsdestotrotz war die Behandlung ausgezeichnet und im Nachhinein war ich froh, dort gewesen zu sein, denn in den Tropen heilen selbst kleine Wunden extrem langsam.

Trotz dieser Zwangsppuse kamen wir am frühen Nachmittag in Tainan an, wo uns Yu-Ling erwartete, die uns einige Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt zeigte. Natürlich mussten wir uns zuvor mit Tapiocamilchtee und einer Spezialität von Tainan, einer bestimmten Nudelsuppe, stärken. Unter anderem besuchten wir den Konfuziustempel. Der zentrale Teil des Tempels bildet ein Gebäude mit einer Stele, in der der Name von Konfuzius in Form von Schriftzeichen eingelassen ist. Demgegenüber liegt eine „Pinwand“, an welcher die Menschen ihre Wünsche anheften können, so dass Konfuzius diese sehen kann, und sie dann in Erfüllung gehen. Natürlich habe auch ich einen Wunsch angeheftet und hoffe sehr, dass der Meister auch Deutsch versteht.

Die tägliche Aufwärmgymnastik vor der Etappe

Vierter Tag (Tainan – Fengshan, 115 km, eben)

Inzwischen hatte sich jeder an den Rhythmus des Tagesablaufes gewöhnt. Mittagspause machten wir praktischerweise an einer Tankstelle – an jeder Tankstelle gibt es Toiletten, die man benutzten kann. Als Nachtisch gab es Bohneneis. Superlecker, obwohl ich mir die Kombination von Eis und Hülsenfrüchten zuvor nicht einmal im Traum hatte vorstellen können. Ob das nicht ein Geheimtipp für unsere italienischen Eisdielen in Deutschland wäre?
Kurz  vor Erreichen des Etappenziels machten wir noch Pause an einer Cocktailbar am Strand. Unter palmenbedeckten Hütte, die an die Südsee erinnern, genoßen wir unsere Drinks und ließen die Blicke über den Strand und das Meer gleiten. Nicht immer ist es so ruhig an diesem Strandabschnitt, denn gelegentlich veranstaltet die Taiwanesische Artillerie Schießübung auf Ziele im Meer und dann sausen die Geschosse von den Bergen aufs Wasser.

Schade, dass dies der letzte gemeinsame Abend war. Nach dem Abendessen setzten wir uns im Kreis zusammen und jeder erzählte, wie er die Tour empfunden hat.

Süßkartoffeln - Köstlichkeiten am Straßenrand
Christine Amrhein

Die Autorin Christine Amrhein

Die Autorin, Dr. Christine Amrhein, hat Psychologie studiert und in diesem Fach auch promoviert. Seit 2007 arbeitet sie als freie Journalistin, hauptsächlich als Wissenschaftsjournalistin. Reisen und Fahrradtouren machen ihr große Freude. Und so schreibt sie auch gerne zu diesen Themen.

Mehr als 1.800  Seiten für Fahrrad-FahrerInnen. Jede Menge Tipps und Infos rund ums Radfahren und Radreisen.

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