Reichweite von Akkus bei e-Bikes

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Wie lange hält ein Akku beim E-Bike

Tipps und Infos über den Umgang mit Akkus von Gunnar Fehlau

RADTOUREN.DE: Ich bin heute zu Gast bei Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad. Gunnar ist langjähriger Spezialist in Sachen Radfahren. Heute geht es darum, wie weit komme ich mit einem E-Bike und wie viele Kilometer kann ich damit fahren?

GUNNAR FEHLAU: Die Frage ist unfair. Man kennt das vom Auto: Was habe ich für einen Motor, wie groß ist der, wie groß ist mein Tank, welchen Fahrstil habe ich, wo fahre ich? Das sind die Parameter, die man eins zu eins aufs Fahrrad übertragen kann. 

RADTOUREN.DE: Dann nehmen wir die auseinander. Fangen wir mit einem normalen Stadtfahrrad an.

GUNNAR FEHLAU: Beim Stadtfahrrad muss ich erst einmal gucken, welche Akkugröße ich habe. Teilweise finde ich an Stadträdern noch 300 Wattstunden Akkus, die reichen dann wirklich nicht weit. 500 Wattstunden, 600 Wattstunden ist eigentlich das Spektrum, in dem sich die meisten gerade bewegen. Wenn ich dann nicht an jeder Ampel einen Kavalierstart hinlege und nicht dauerhaft im Turbomodus fahre, sondern ein bisschen mit den Unterstützungsmodi spiele, dann sollte man nach meiner Faustformel 50 bis 60 Kilometer unter allen Bedingungen eigentlich schaffen.
 


RADTOUREN.DE: Eine andere Kategorie wäre vielleicht das Trecking.

GUNNAR FEHLAU: Beim Trecking kommt schnell Gepäck dazu. Da habe ich eventuell zwei Packtaschen dran mit zehn Kilo, das sind zehn Kilo mehr für den Motor und auch für mich. Das zweite ist, dass ich mit dem Treckingrad in der Regel mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs bin, habe aber, wenn es gut läuft, nicht so viele Stopps wie in der Innenstadt. Das wird sich wahrscheinlich ausgleichen. Der Punkt ist aber der: Es geht hier von Köln aus ins Bergische Land, in die Eifel. Da wird es hügelig und sobald die Steigung dazukommt, gibt es die Bedingungen, in denen wir den Motor am allermeisten lieben, weil er uns da am meisten hilft. Aber da verbraucht er auch am meisten. Wenn ich wieder von der Range 500, 600 Wattstunden Akku ausgehe, eine vernünftige Fahrweise habe, dann würde ich sagen, dass ich über 50 Kilometer mit jedem System schaffen sollte. Das Marketing der Firmen geht schnell von einer dreistelligen Zahl, von 100 Kilometern Reichweite aus, aber das findet unter sehr speziellen – ich sage mal Laborbedingungen – statt, die es draußen in der Realität selten gibt. Ich würde andersherum vorgehen. Ich würde ihn einfach mal leer fahren, so dass ich ein Gefühl dafür bekomme, wie weit ich damit komme. Das kennen wir vom eigenen Handy. Da hat man über die Jahre eigentlich ein gutes Gefühl entwickelt und es auf fünf oder zehn Prozent genau schätzen. Man weiß, man hat es morgens aufgeladen, man weiß, was man in der Bahn gemacht hat, man weiß, was man tagsüber gemacht hat und dann hat man so um drei Uhr eigentlich ein Gefühl, ob man bei fünf Prozent oder noch bei 45 Prozent ist.

RADTOUREN.DE: Ich möchte noch einmal zu den Bergen zurückkommen. Du hast dich dazu nicht ganz klar geäußert. Kann man sagen, dass die Berge 30 oder 50 Prozent der Leistung von diesen 50 Prozent nehmen oder gibt es irgendeine Regel? Oder hast du irgendeine Idee?

GUNNAR FEHLAU: Nein. Also die Regel ist insofern nicht machbar, weil es in den Bergen auf das Systemgewicht und auf das Leistungsgewicht ankommt. Sprich, wie viel wiegt das Ganze und wie viel Power kann ich aus den Beinen dazutun. Wir haben es gerade bei der Tour de France gesehen, wenn die Sprinter gesagt haben: „Wir kommen nicht über die Berge.“ Ein Sprinter wiegt 80 Kilo und hat kaum Körperfett. Das ist verglichen mit uns eine Maschine sondergleichen. Wenn der sagt, er kommt nicht über die Berge, heißt das, dass er 20 Minuten später ist als die Bergflöhe. Und das ist immer noch ein Tempo, das so weit jenseits von unseren Möglichkeiten ist. Und so ähnlich muss man es dann auch mit dem Motor sehen. Ich muss gucken, wer sitzt darauf, wie fährt er, wie schnell fährt er, wie gut geht er mit dem Unterstützungsmodus um. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe: Ich kann sehr viel an der Akkureichweite tun, indem ich mit der richtigen Frequenz fahre und nicht zu dicke Gänge fahre. Indem ich mich beim Anfahren viel unterstützen lasse und dann, wenn ich meine Reisegeschwindigkeit habe, wieder heruntergehe. Wenn es so seicht bergab mit Rückenwind geht, dann meine 25, 26 komplett ohne Motorunterstützung fahre. Dass ich den bergab ausmache und Ähnliches. Also da kann ich unglaublich viel über mein eigenes Verhalten beeinflussen, da kann man 10, 15, 20 Prozent Reichweite über cleveres Fahren herausholen. Wenn ich es so mache, habe ich die Reichweite, wenn ich es missachte, dann habe ich sie nicht.

RADTOUREN.DE: Gehen wir von einem Radrundfahrer aus, der 80 Kilometer schaffen möchte. Das wäre über deine angegebene Reichweite. Dann wäre dein Tipp, dass man sorgsamer mit dem Akku fährt. Richtig?

GUNNAR FEHLAU: Man kann sagen: Das was mir gut tut, tut dem Akku auch gut. Wenn ich mit dicken Gängen anfahre und versuche, möglichst schnell auf meine Reisegeschwindigkeit zu kommen, dann tut das den Beinen nicht gut und das tut dem Akku nicht gut. Leichte Gänge nehmen und sich locker 200 bis 300 Meter mehr Zeit nehmen, bis man seine Reisegeschwindigkeit nach der Ampel hat. Oder umgekehrt, wenn meine Beine wehtun, dann jault der Akku und der Motor auch. Man sollte mit dem Turbomodus sparsam umgehen und sich eher im Eco- und Tourmodus bewegen. Dann wundert man sich, wie viele Prozente man doch herausholen kann.

RADTOUREN.DE: Gunnar, was kannst du uns zu den Ladelaufzeiten der Akkus sagen?

GUNNAR FEHLAU: Die variiert stark und die ist natürlich noch nicht an dem Punkt, von dem wir träumen. Wir hätten natürlich überall gerne eine halbe Stunde Schnellladung. Aber da sind wir noch nicht. Wir gehen immer noch über die normale Steckdose. Das leichte Reinladen, da sind wir bei zwei bis drei Stunden. Die meisten brauchen vier bis fünf Stunden, bis sie wieder voll sind. Über den Tag im Büro kriegt man es hin, über die Nacht kriegt man es auch hin. Einzig auf Touren, wenn man es in der Mittagspause aufladen will, da passiert nicht so viel oder man muss wirklich lange Siesta machen.

RADTOUREN.DE: Was ist die Zukunft der Akkutechnologie für Fahrräder?

GUNNAR FEHLAU: Wir werden zum einen merken, dass die Lithium-Ionen-Technologie maximal ausgereizt und optimiert wird. Und das zweite ist, wir warten alle auf den nächsten großen Sprung, auf den nächsten Paradigmen-Wechsel wie wir ihn von Nickel-Kadmium-, Blei-Akkus hin zu Lithium-Ionen erlebt haben. Da sind wir aber nicht allein. Bei den Laptops, Bohrmaschinen, Autos, Staubsaugern warten alle darauf. Und wir können gespannt sein. Aber erst sind wir einmal nur die, die zugucken. Und wenn es dann erforscht und neu ist, dann können wir es umsetzen.

RADTOUREN.DE: Gunnar, was passiert eigentlich abends mit dem Akku?

GUNNAR FEHLAU: Du musst zwischen der Sommer- und Wintersituation unterscheiden. Der Akku ist eher ein Südländer-Typ, ihm ist es lieber wärmer als zu kalt. Das heißt im Sommer  sollte ich den vom Rad herunternehmen und laden. Winter ist eine andere Geschichte. Unterhalb von zehn Grad arbeitet ein Akku nur eingeschränkt und muss quasi erst einmal Energie aufwenden, um sich selbst zu erwärmen, so sage ich das mal laienhaft. Das heißt, im Betrieb mag er das nicht und beim Laden bei niedrigen Temperaturen kann das für die Zellen – ich nenne es umgangssprachlich mal schmerzhaft sein – und kann dann auch zu Schäden führen. Also insofern lieber nachts warm lagern und auf jeden Fall nur im Warmen laden. Im Sommer würde ich ihn nicht in die direkte Sonne stellen und dort laden, sondern im Schatten laden oder im kühleren Keller. Wichtig ist im jeden Fall, die Bedienungsanleitung zu beachten. Also schauen was der Hersteller vorgegeben hat, welche Rahmenbedingungen er gibt. Aber im Kern gilt: Kälte vermeiden und nicht in der prallen Sonne laden.

RADTOUREN.DE: Die Akkuentwicklung, was für einen emotionalen Mehrwert hat das für den Einzelnen gebracht? Macht das den Radfahrern mehr Freude, mit so einem akkubetriebenen Rad unterwegs zu sein?

GUNNAR FEHLAU: Wenn man Leute fragt: Benutzen Sie einen Fön? Haben Sie einen Staubsauger? Haben Sie eine Waschmaschine? Und wenn man dann nach emotionalen Mehrwerten fragt, werden viele sagen: Das ist einfach unglaublich praktisch. Das sehen wir beim E-Bike auch, dass viele Leute es benutzen und einmal diesen moralischen Gap, den du auch gerade beschrieben hast, überschreiten und sagen, das ist mir jetzt egal, das macht mir Spaß, es funktioniert. Und wir müssen ehrlich sein: Es bleibt ja Rad fahren. Es ist wie eine Jukebox. Schmeiße ich oben einen Euro hinein, kommt unten Musik heraus. Trete ich oben, tut der Motor etwas dazu. Trete ich nicht, tut der Motor nichts. Dieses Momentum, sich selbst durch Raum und Zeit zu bewegen, das bekommt eigentlich nur Rückenwind. Das ist, was die Leute so lieben am Fahrradfahren. Insofern stellt sich die Frage für mich nicht so richtig. Ich sehe ganz selten Leute, die sich mit der Schiebefunktion mit sechs km/h schieben lassen. Ich sehe alle auf dem E-Bike, die pedalieren. Ich sehe nicht, ob sie Eco-Modus oder Turbo-Modus fahren. Aber ich sehe Leute, die pedalieren und sich durch Raum und Zeit bewegen und die in dem Moment nicht im Auto sitzen, die in dem Moment nicht mit Chips vor dem Fernseher sitzen. Das ist doch erst einmal gut.

Das Interview führte Ertay Hayit

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