Radtest Papalagi, Expeditionsrad von MTB Cycletech

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Im Test: Papalagi Touring von MTB Cycletech

Radgewordene Radreise-Philosophie

Wer so richtig weit, viel und lang reisen will, der braucht ein absolut zuverlässiges Rad. Ein Rad, auf dem man selbst nach einem Rahmenbruch in der Mongolei oder einem verbogenen Schaltwerk „in the middle of nowhere“ in Australien seine Reise fortsetzen kann. Weil der Stahlrahmen repariert und die Rasterung des Schalthebels ausgeschaltet werden kann.

Wer ein solches Expeditionsrad sucht, landet früher oder später beim Schweizer Fahrradhersteller MTB Cycletech, dem Firmengründer Butch Gaudy und dem Papalagi. Mit dem ersten Papalagi befuhr Butch Gaudy 1984 den Alcan-Highway, damals eine Schotterstraße, von Alaska nach Mexiko. Seitdem sind 20 Jahre Know-how des Designers Gaudy und die Erfahrung von sehr vielen Rad(welt)reisenden in das Reiserad, wie es heute erhältlich ist, eingeflossen.

Philosophie

Als Expeditionsrad für weite Strecken konzipiert, soll der Papalagi bestimmte Kriterien erfüllen: Robustheit, Haltbarkeit - eventuell dennoch anfallende Defekte müssen sich in möglichst jeder Lebenslage beheben lassen -, hohe Zuladekapazität, Eignung auch für schlechte Straßen, flottes Vorankommen, Laufruhe und bequeme Haltung. Es ist bewusst nicht dafür gemacht, überwiegend im hektischen Straßenverkehr genutzt oder auf dem Altmühltalradweg von Pension zu Pension bewegt zu werden. Es ist kein Fitnessbike und auch kein Mountainbike zum Einsatz in unwegsamem Gelände.

Theorie

Basis ist ein stabiler Rahmen mit einer bequemen, für Laufruhe sorgenden Geometrie. Reynolds liefert aufgrund persönlicher Kontakte die sehr stabilen und leichten CroMo 853-Rohre exakt nach Butch Gaudys Wünschen. Die Hauptrohre sind außen konifiziert und ovalisiert und innen an den Enden wandverstärkt (Double and Triple Butted). Diese aufwändige Formgebung soll für die zusätzliche Stabilität im Tretlager- und Steuerrohrbereich bei trotzdem geringem Gewicht des Rohrsatzes sorgen.

Der Hinterbau ist relativ lang, um trotz hoher Gepäckzuladung genügend Fußfreiheit zu gewähren. Diverse Anlötteile ermöglichen die Montage von Gepäckträger und Lowrider sowie drei Trinkflaschen. Kultig ist die Titan-Sattelschelle mit MTB Cycletech-Logo.

Der Papalagi läuft auf 26-Zöllern, Reifen bis 54 mm Breite (54-559/26 x 2.1) sind möglich. Wer also bevorzugt abseits asphaltierter Straßen unterwegs ist, kann robuste Stollenreifen aufziehen. Und gewinnt damit gleichzeitig etwas Bodenfreiheit dazu, das Tretlagergehäuse liegt nämlich zugunsten von Stabilität und Schwerpunkt relativ tief.  Mit den serienmäßigen 40 mm (26 x 1.25) Marathon Racer von Schwalbe ist man übrigens auf der Straße sehr schnell und komfortabel unterwegs.

Der Papalagi Tourer ist mit einem Randonneur-Lenker bestückt - für viele Reiseradler ein nicht zu diskutierendes Ausstattungsmerkmal eines echten Reiserads. (Als Papalagi Trekking ist der Rahmen auch mit Trekkinglenker zu haben.) Die Kombination aus Dia Compe-Bremshebeln und Avid V-Brakes sorgt für sichere Verzögerung.

Die aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und Robustheit gewählte Shimano Deore XT-Schalteinheit wird mit Lenkerendschaltheben (Shimano Dura Ace) bedient. Auch dies gehört für viele Reise- und Expeditionsradler zu ihrem Gefährt dazu. Fahrer, die vom mit Bremsschalthebeln ausgestatteten Rennrad aufs Reiserad umsteigen, werden diese Ausstattung als nicht zeitgemäß empfinden: Es fallen bequeme Griffpositionen am Hebel selbst weg, der Schaltvorgang ist gewöhnungsbedürftig, der Griff zum Ende des Unterlenkers ebenfalls. Die exponierte Anbringung der Hebel wirkt anfällig und macht misstrauisch – bei MTB Cycletech sind allerdings in der langen Geschichte des Papalagi noch keine Klagen diesbezüglich eingegangen.  

Also bleibt nichts anderes übrig, als entweder die Vorteile der kleinen Schalter zu goutieren, die ganz im Sinne der Papalagi-Philosophie sind: geringes Gewicht, die Indexierung kann ausgestellt und so via Reibung auch ein lädiertes Schaltwerk angesteuert werden – der Radreisende soll sich schließlich mit einfachsten Mitteln stets selber helfen können. Oder man bestellt den Papalagi über seinen Händler mit einer alternativen Ausstattung wie STI- oder Ergopower-Bremsschaltgriffen oder Rahmenschalthebeln (noch gibt es sie, auch für 9-fach). Oder man entscheidet sich für ein anderes Rad (s. Kasten rechts).

Praxis

Serienmäßig wird das Rad ohne Gepäckträger, Schutzbleche und Lichtanlage ausgeliefert. Am Testrad sind standesgemäße tubus-Träger verbaut. Vom amerikanischen Hersteller Bruce Gordon bezieht MTB Cycletech alternativ auch speziell fürs Papalagi angefertigte, sehr hochwertige Cromoly-Träger.

Der Papalagi fährt sich sehr gut. In Kombination mit den 40-559 „Marathon Racer“, die bis max. 6 bar aufgepumpt werden können, ist das Testrad richtig flott. Beladen macht sich die Laufruhe, erreicht durch den langen Nachlauf der Gabel und die hohe Fahrstabilität, positiv bemerkbar.
Dass es sich so gut fahren lässt und man so schön schnell unterwegs ist, liegt auch an dem erfreulich geringen Gewicht des Rads: Das Testrad in Größe L und mit tubus Gepäckträger und -Lowrider sowie Shimano A 530 SPD-Pedale wiegt gerade mal 12 kg.


Fazit

Für diskussionswürdig erachteten die Testfahrer vor allem die Lenkerendschalthebel (s.o.) und den sehr weit ausladenden Randonneur-Lenker. Am 2008-Modell des Papalagi kommt allerdings (im Gegensatz zum Testrad) der Rennvelolenker von Leadtech zum Einsatz, der nur minimal ausgestellt ist, womit sich zumindest diese Frage erledigt hat. Nicht diskutieren muss man auf jeden Fall über die Fahreigenschaften des Rads, die mit und ohne Gepäck überzeugend sind und eindeutig für das puristische, leichte Expeditionsrad sprechen.

Testergebnisse im Überblick:

  • Einsatzbereich: Expeditionsrad, Straße (auch mit schlechtem Belag), befestigte Wege
  • Pluspunkte: geringes Gewicht, stabiler und haltbarer Rahmen, solide und gut abgestimmte Teile, kein Schnickschnack, sehr überzeugende Fahreigenschaften
  • Fazit: Lenkerendschalthebel sind Geschmacksache, aber das Konzept ist stimmig

Spezifikationen MTB Cycletech Papalagi Touring 2008

Rahmen Reynolds 853 Cromo Stahl, 3-fach konifiziert
Gabel Cromo Stahl, starr, 1 1/8“, gewindelos
Steuersatz Velo.com 1 1/8“
Reifen Schwalbe Marathon Slick 26x1.35
Felgen DT Swiss X450
Speichen DT Swiss Competition 1.8 – 2.0
Naben Shimano XT
Vorbau Alu, 1 1/8“, 7 Grad
Lenker Leadtech Rennvelolenker
Sattelstütze Alu, 27.2 mm, 350 mm
Schalthebel Shimano Dura Ace Lenkerendschalter
Umwerfer Shimano XT
Schaltung Shimano XT Shadow
Kurbelgarnitur Shimano XT, 48/36/26 Zähne mit Kettenschutz
Innenlager Shimano XT
Kassette Shimano XT, 9-fach, 11 – 34 Zähne
Kette Shimano HG93
Bremsen Avid Single Digit 7 V-brake
Bremshebel Dia Compe 287 für V-brake
Pedale Clipless/Standard, Shimano PD-A530
Gewicht 11,2 kg Größe M ohne Pedale
Zusätze Ständer, Träger vorne und hinten tubus oder Bruce Gordon – MTB Velotech-Händler bauen nach Kundenwunsch auf
Preis 1.699 Euro komplett wie oben beschrieben, 699 Euro Rahmen/Gabel plus MTB Cycletech Titan-Schelle
Infos und Händlersuche www.mtbcycletech.com

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Alle Angaben wurden von Hayit Medien und radtouren.de nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Text/Fotos: Cornelia Auschra (c) copyright, Alle Rechte vorbehalten

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Info: MTB Cycletech

Der Papalagi ist das erste Rad, das der Designer Butch Gaudy entwarf und für sich und seine Frau baute. Rund 6.000 Kilometer war die Jungfernstrecke lang und führte von Alaska nach Mexiko. An der Geometrie des Rahmens wurde in den folgenden Jahren wenig geändert - die Rahmenrohre wurden jedoch stetig weiter entwickelt. Auf den Papalagi folgten weitere Modelle, jeweils genau für den gewünschten Einsatzzweck konzipiert. Die bunte Palette zeigt Mountainbikes, ein Allround-/Tourenrad, das Oxymoron – eine Kreuzung zwischen Road- und Mountainbike für die Stadt, ein Kinderrad, ein Luxusrad, ein Stadtrad … vor allem aber: auffällig gestaltete und ausgefallene Räder.

Papalagi - der Fremde

„Der Papalagi“ (ausgesprochen: Papalangi) – unter diesem Titel veröffentlichte Erich Scheuermann, deutscher Maler und Schriftsteller, 1920 die „Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea“. Papalagi soll Samoanisch sein und der „Weiße“, der „Fremde“, aber auch der „Himmelsdurchbrecher“ heißen. Mit Hilfe von elf fiktiven Reden eines fiktiven Häuptlings übt Scheuermann Zivilisationskritik – nicht jedem Leser des Buches war bewusst, dass hier keinesfalls ein samoanischer Häuptling, der Europa bereiste, zu Wort kommt, sondern ein Deutscher, der Samoa bereiste. Gut 50 Jahre nach seinem Erscheinen wurden die „Reden“ zum Kultbuch und erreichten vor allen während der Hippie-Bewegung große Popularität.

Das Andale - für Radurlauber ohne Expeditionsansprüche

Ein für Radreisende ebenfalls interessantes Rad aus dem MTB Cycletech-Prgramm ist das Modell Andale. Ursprünglich als robustes Stadtrad (26’’-Räder) konzipiert, bietet es inzwischen alle fürs Radreisen wichtigen Anlötteile und wird mit Trekkinglenker oder Rennlenker mit STI- oder Ergopowerbremsschaltgriffen angeboten. Schutzbleche, Lichtanlage und alltagstauglicher Gepäckträger werden serienmäßig geliefert. Für mehr Zuladung können entsprechende Träger (tubus oder Bruce Gordon) bestellt werden.