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Reiseerzählung: Abenteuer Neuseeland – durch Dauerregen zum Milford Sound

Mit dem Rad einmal Neuseeland zu durchqueren ist sicherlich keine neue Idee. Doch sollte man sich bei der Wahl der Reisezeit vielleicht nicht gerade den nassen und stürmischen Frühling aussuchen, der ganz schnell aus einer entspannten Reise durch das wunderschöne Land am anderen Ende der Welt eine abenteuerliche Fahrt mit Hindernissen werden lässt.

Meine Reise dauerte insgesamt 12 Wochen, in denen ich rund 5300 km und knapp 50.000 Höhenmeter unter die Stollen genommen habe. Im Laufe meiner Reise wurde mir klar, dass ich mit jedem Tag Geschichte schreibe und blicke im Nachhinein auf 150 Seiten emotionales Tagebuch zurück. Die dramatischen Tage überwiegen beim Durchblättern deutlich. Schaue ich jetzt aus dem Fenster wirkt der Himmel grau und trist. Doch es ist warm um mich herum, neben mir steht eine Tasse warmer Kakao. Denke ich an meine Neuseelandreise zurück, konnte ich von solchen Dingen nur träumen. Auch dort blickte ich oft in einen wolkenverhangenen Himmel, der gerne kubikmeterweise Wasser auf die Erde warf. Doch ohne Wärme und ohne heißen Kakao.

Aus meinen vielen Erlebnissen möchte ich hier einen Ausschnitt für den abenteuerlustigen Teil der Leserschaft vorstellen. Wenn ich an meine Reise zurückdenke, wird mir schnell klar, welchen Teil meiner Reise ich wiedergeben möchte. In meiner Erinnerung ist es die schönste und zugleich schlimmste Etappe der Reise.

In 12 Wochen 5300 km mit dem Rad durch Neuseeland, eines der schönsten Länder der Erde (Foto: Christopher Hausmann)
Radreise Neuseeland – Milford Sound

Mit dem Fahrrad zum Milford Sound: Ab Te Anau geht's los

Ausgerüstet mit einem eigens zusammengestellten Mountainbike, einem Anhänger, Zelt und Schlafsack pedalierte ich schon seit über sechs Wochen durch die wunderschönen Landstriche des atemberaubenden Neuseeland, als sich die folgende Geschichte ereignete. Ich hatte beim Equipment nicht an finanziellen Mitteln gespart und war in jeder schweren Situation dankbar dafür. Die 14-Gang Rohloff Getriebenabe brachte mich seither ohne Schaltprobleme zuverlässig durch den Süden der Südinsel und sollte mich für den Rest meiner Reise nicht enttäuschen. Ich hatte den niedrigsten Punkt geographischer Breite zwei Tage hinter mir gelassen und fuhr nordwärts aus Te Anau. Diese kleine Stadt liegt im südwestlichen Fjordland der Südinsel und ist Knotenpunkt sämtlicher Neuseeland-Touristen. Von hier startet der 120 Kilometer lange Weg zum Milford Sound, eines der touristischen Highlights des Landes und eines meiner großen Ziele.

Milford Sound kann man kurz beschreiben als einen rund 20 Kilometer langen Meeresarm, der sich durch die senkrechten Felswände der von den Gletschern der letzten Eiszeit geformten Granitgesteine ins Landesinnere schlängelt. Ein atemberaubender Ort. Und ein sehr nasser Ort zugleich. Die Niederschlagswerte des Fjordlandes liegen weit über dem neuseeländischen Durchschnitt und für ein paar Sonnenstrahlen muss man echt Glück haben. Bisher hatte ich auf meiner Reise selten dieses Glück.

Auf den ersten Kilometern Richtung Milford Sound: Am Horizont sind die Südalpen zu erkennen (Foto: Christopher Hausmann)
Richtung Milford Sound in Neuseeland

Auf Asphaltstraßen fernab der Zivilisation

Auch der 19. November war ein nasser Tag. Am Morgen startete ich trotz Warnung des örtlichen Touristenbüros in Richtung Milford Sound. Schnee und Regen waren zwischen den Windböen immer wieder angekündigt. Die Strecke besteht aus 80 Kilometern leicht hügeliger Asphaltstraße, gefolgt von dem berüchtigten 1270 Meter hoch gelegenen Homer Tunnel, der einem 20 Kilometer langen Anstieg folgt. Daraufhin kann man 20 Kilometer auf Meeresniveau hinunterrollen und befindet sich in der längsten Sackgasse der Reise. Auf dieser Strecke gibt es nichts. Keine Einkaufsmöglichkeiten, keine modernen Campingplätze, nur Natur und die sich einsam durch die Berge schlängelnde Straße. Das Wetter war besser als angekündigt und ich blieb größtenteils von Sturm und Regen verschont.

Den Abend verbrachte ich auf einem DOC Campsite. Diese günstigen Campingplätze kosten umgerechnet 4 Euro die Nacht, inklusive Plumsklo und wenn man Glück hat auch eine Grundwasserzapfstelle. Man kann sein Zelt irgendwo auf der meist weiträumig angelegten Campingfläche aufschlagen und per Briefumschlag in einem Briefkasten bezahlen. Der Abend verlief trocken, aber die Nacht war kalt.

Günstige Campingplätze liegen meist in wunderschönen Landschaften (Foto: Christopher Hausmann)
Neuseeland Landschaft

Aufbruch zum Pass: Die Natur weist uns in ihre Schranken

Als ich am nächsten Morgen für meine Verhältnisse spät aus dem Schlafsack kroch, ahnte ich noch nicht, welche Tage mir bevorstehen. Gerade schaffte ich es noch, mein Zelt abzubauen und meine sieben Sachen auf dem Anhänger zu verstauen. Da begann es zu regnen. Rund 10 Kilometer vor mir begann der Anstieg zum Pass. Eingehüllt in Regenklamotten erreichte ich um ca. 11.30 Uhr die Schranke, die den Anstieg beginnen ließ. Eine Warntafel gab mir zu verstehen, dass der Pass ab 12 Uhr gesperrt sein würde. Steinschlag und Lawinengefahr durch Dauerregen waren der Grund. Aber was sollte ich tun? Einen Tag im Zelt auf einer Wiese verbringen mit nichts außer einem Plumsklo?

Ich begann mich den Anstieg hochzuquälen. Eine halbe Stunde hatte ich ja noch Zeit und wenn ich erstmal auf der Straße war, würden sie mich dort wohl nicht verjagen. Dachte ich zumindest. Nach einigen wenigen Kilometern hielt der erste Pick-up der Baubehörde an und bat mich umzudrehen. Ich willigte ein und fuhr langsam bergab. Als der Pick-up außer Sichtweite war, drehte ich um und verschlang gierig weitere Höhenmeter. Einige Minuten später traf ich auf einen weiteren Pick-up, wo ich selbiges tat. Ich war auf der sonst mäßig befahrenen Straße inzwischen der einzige Mensch. Eine ziemlich gruselige Geschichte. Alles war in dichten Nebel gehüllt, überall rumpelte es und ich zweifelte langsam selbst an meinem Vorhaben. Der Anhänger machte die ganze Zeit über ein seltsames Geräusch, welches mich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht aus der Ruhe brachte. Nach weiteren Minuten Stille und immer mehr Steinen auf der Straße entschloss ich mich doch umzudrehen.

Ich wusste, dass neben der am Fuße passierten Schranke eine acht Kilometer lange Schotterpiste zu einem fast vollständig autarken Campingplatz führte, der mich wohl für eine weitere Nacht beherbergen könnte. So wollte ich diesem entgegenrollen, stellte dann aber beim Wenden fest, dass die Geräusche des Anhängers auf einen platten Reifen zurückzuführen waren, den ich schon seit mehreren Kilometern hinter mir herzog. Es war kalt, regnerisch und immer noch etwas zu gefährlich um an diesem Ort einen Reifen zu flicken. Ich hielt es für intelligenter, mit Platten den Berg wieder hinunter zu düsen. Spätestens auf der groben Schotterstrecke sah ich vor meinem inneren Auge den Schlauch zu einem Schweizer Käse  transformieren. Und für den Anhänger hatte ich keinen Ersatzschlauch im Gepäck. Des Weiteren ähnelte die Schotterpiste an dem Tag einer Schlammpiste und ich sah aus wie nach der ärgsten Mountainbiketour.

Der Milford Sound liegt im Fjordland Nationalpark, dem größten der 14 Nationalparks in Neuseeland (Foto: Christopher Hausmann)
Milford Sound im Fjordland Nationalpark

Rückzug auf den Campingplatz

Am Campingplatz angekommen staunten die Gäste in der Rezeption nicht schlecht über mein Schlammgesicht. Auf den wenigen Quadratmetern erbaten weitere Camper um einen Stellplatz auf Grund der gesperrten Straße. Mein Zelt baute ich unter einem Vordach auf und trug es durch den Regen auf die durchnässte Wiese. Wieder einmal dankbar für gut investiertes Geld. Mit dem Anhängerrad unter dem Arm begab ich mich in die mit Feuer eingeheizte Warmwasserdusche und zog Schicht für Schicht der nassen Klamotten aus. Ich entfernte Mantel und Schlauch unter fließendem Wasser und bemühte mich später, die Dusche wieder mehr oder weniger sauber zu hinterlassen.

In diesem Zustand überlebte der Mantel nach dem Platten vor dem Milford Sound noch weitere 400 km (Foto: Christopher Hausmann)
Fahrradreifen Milford Sound

Der großräumige Aufenthaltsraum des Campingplatzes beherbergte einen Kamin mit einer Handvoll Sessel, in denen ich mich niederließ und einen Reifen flickte. Der Schlauch hatte die Fahrt gut überlebt, der Mantel dafür umso weniger. Die Karkasse war überall zerrissen. Dank Schwalbe Reifen blieb mir so eine Situation am Fahrrad erspart; 5300 Kilometer ohne Platten, Gott sei Dank. Am nächsten Tag war der Pass komplett gesperrt, sodass mir nichts anderes übrig blieb als mit den anderen Campinggästen von morgens bis abends um die Wette zu puzzeln. Draußen ging die Welt unter.

Der Regen legt sich, die Reise geht weiter

Mir wurde so langsam bewusst, dass meine Essensvorräte in den Tiefen meines Magens verschwanden und ich weitere drei Tage ohne Supermarkt wohl nicht schaffen würde. Die Staumöglichkeiten auf Fahrradanhängern sind ebenfalls begrenzt, auch wenn ich dankbar war, nicht auf Packtaschen und Gepäckträger gesetzt zu haben. Die freundlichen Gäste des Campingplatzes, allen voran eine Schulklasse, versorgten mich an dem Abend großzügig mit Essen und füllten meinen Proviant wieder vollständig auf. So konnte ich am nächsten Morgen im anhaltenden Regen, aber wieder geöffnetem Pass meine Reise fortsetzen. Durch den Mantel des Anhängerreifens lugte der Schlauch an mehreren Stellen hervor, begleitete mich aber sicher durch den Tag.

Zu Mittag wurde der Regen weniger und als ich den Tunnel am Gipfel des Berges erreichte, kam die Sonne heraus und wärmte meinen nassen Körper. Als die Ampelschaltung auf Grün sprang, geleitete mich eine Gruppe Wohnmobile durch den unbeleuchteten, einspurigen Tunnel sicher an das 1,2 Kilometer entfernte Ende. Dort angekommen, schoss ich freudig ins Tal hinunter zum Milford Sound, dem Ort, der sich zum Zeitpunkt meiner Ankunft mit strahlend blauem Himmel präsentierte und mich zum glücklichsten Menschen der Welt machte. Stolz, das Abenteuer auf mich genommen und stolz, mein Ziel erreicht zu haben. Ich schaute durch den weitläufigen Meerwasserkorridor in Richtung offene See hinaus und wusste, dass ich diesen Teil meiner Reise niemals vergessen würde.

Der Milford Sound: Ein unbeschreibliches Gefühl der Glückseligkeit, endlich am Ziel angekommen zu sein (Foto: Christopher Hausmann)
Milford Sound

Rückweg vom Milford Sound: Sonnenschein statt Dauerregen

Auf dem Rückweg einen Tag später in Richtung Te Anau stellte ich fest, dass diese Strecke bei Sonnenschein ein Naturerlebnis der besonderen Art ist. Sehr empfehlenswert ist dieser kurze Abstecher für Radreisende. Auch wenn es eines der touristischsten Ziele Neuseelands ist, so verleiht die Topographie und die Entfernung zur Zivilisation dieser 120 Kilometer langen Sackgasse einen ordentlichen Touch Abenteuer mit einer atemberaubenden Belohnung in der Bucht von Milford Sound.

Alleine diese Tage würden noch weitere Seiten an Erzählungen bieten. Voller Abenteuer und unvergesslicher Erlebnisse präsentierten sich auch die vorausgehenden und nachfolgenden Wochen.

Neuseeland eignet sich mehr als jedes andere Land auf der Welt zum Radreisen. Ein großzügiges Netz an kostengünstigen Campingplätzen bietet für Zeltreisende zu jeder Zeit einen einzigartigen Übernachtungsplatz. Für die ganze Insel braucht man nur eine Landkarte zur Navigation, da es eigentlich immer nur eine Straße gibt, jeder Schotterweg ist eingezeichnet und das bei einem sehr großen Maßstab.

Die Freundlichkeit der Neuseeländer steht allen Naturschönheiten des Landes voran. Hilfsbereite und interessierte Menschen in jedem Ort machen diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis. Keine giftigen Tiere, keine Kriminalität, einfacher kann sich eine Radreise nicht bewältigen lassen. Nur sollte man vielleicht eher die Monate um die Jahreswende als Reisezeit wählen um überdurchschnittlichen Niederschlagsereignissen auf Dauer aus dem Weg zu gehen.

Eine der schönsten Etappen der ganzen Reise: Rückweg bei Sonnenschein (Foto: Christopher Hausmann)
Milford Sound in Neuseeland

Text und Fotos: Christopher Hausmann

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Radtouren.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Kommentare

Peter, 07-07-16 10:33:
Schöner Bericht, tolle Tour. Vor allem der "Schwachsinn" wie man in Abenteuer und blöde Situationen kommen kann, die hinterher keiner Versteht. Also bei Sperrung den Pass fahren. Könnte mir in der Situation auch passieren, vor allem, wenn man nur ein nasses Zelt auf einem Campingplatz als Alternative hat.
Die Tour würde mir auch gefallen. Ich bin letztes Jahr mit meinem Sohn einen Alpencross gefahren, dieses Jahr eine Tour durch Frankreich. Neuseeland waren wir mit dem Auto aber die Nummer mit dem Rad find ich auch spannend.
Schau gerne mal auf meiner Seite vorbei.
Gruß von Peter
Jörg Hausmann, 18-04-15 08:39:
Hey Namensvetter

Bin echt begeistert von deinem Reisebericht!
Locker und cool geschrieben und echt klasse Fotos. Hut ab vor deiner Leistung in den 12 Wochen. Fahre auch ne Rohloff Nabe. 100 % Zufriedenheit.
Freue mich auf den nächsten Bericht.

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