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Radeln nach Zahlen

Von Brügge bis Brüssel: Mit Schiff und Rädern durch Flandern

Dass man (fast) nur mit Hilfe einer Auflistung von Zahlen einen ganzen Landstrich erradeln kann, erfährt der Radreisende in Belgien. Durch die Polderlandschaft Flanderns reist man abwechslungsreich per Schiff und Fahrrad – immer die Zahlen im Blick.

Das verspricht ja heiter zu werden. Noch sind wir nicht einen Kilometer geradelt und schon stürzen die kalorienreichen Verführungen Belgiens über uns herein. Die Anfahrt nach Brügge war lang und trotzdem hält es keinen der Gruppe auf unserem schwimmenden Zuhause der nächsten Woche, dem Flussschiff QUO VADIS. Die Mieträder haben wir noch schnell angepasst und dann ging es zurück ins Mittelalter, ins historische Zentrum von Brügge. Nicht zu Unrecht wird das kleine Städtchen im Westen Flanderns als Perle der Polderlandschaften bezeichnet und nicht zu Unrecht hat es die UNESCO auf ihrer Liste des Weltkulturerbes positionier

In Kombination mit den belgischen Radkarten ergeben die Zahlen auf den Schildern ein perfekt ausgeschildertes Radwegenetz (Foto: Axel Scheibe)

Schokoladige Verführung

Wir können uns beim abendlichen Bummel durch die beleuchteten Straßen und Gassen und über die Plätze ein Bild davon machen. Im Licht der Straßenlaternen wirkt alles noch romantischer. Vor den Restaurants und Cafes sind die Tische dicht besetzt. Um manche Straßenecke zieht der Duft leckerer Belgischer Waffeln. Doch noch etwas ist es, das uns auf den Fahrradausgleich ab morgen hoffen lässt. Selbst am späten Abend haben sie geöffnet, die zahlreichen kleinen und größeren Schokoladenläden und Confiserien. Hinter so manchem verbirgt sich eine Schokoladenmanufaktur. Egal ob eigene Manufaktur oder nur Verkauf für einen der größeren Hersteller, die dekorierten Schaufenster locken mit bestens verpackten Kalorien. Wer kann da widerstehen? Eine immer wiederkehrende Frage auch in den nächsten Tagen.

Der Abend zieht sich in die Länge. Die erste Nacht an Bord der QUO VADIS ist trotzdem erholsam gewesen, und nun wartet der „Ernst des Lebens“ auf uns. Noch soll das Schiff im Hafen bleiben. Gut gestärkt beginnen wir die Tage in den Polderlandschaften mit einer Ausfahrt an die Nordsee. Vor Jahrhunderten wäre das ein kleiner Spaziergang gewesen, denn damals hatte Brügge selbst einen direkten Zugang zum Meer. Das hat sich geändert. Heute müssen wir unsere Drahtesel satteln, Regensachen nicht vergessen, noch sieht es nicht gut aus, und in Richtung Norden aufbrechen. Entlang des Oostende-Gent-Kanals führt uns der Weg als erstes in die Eulenspiegelstadt Damme. Dass es dort ein Eulenspiegelmuseum gibt, ist klar und auch ein Eulenspiegeldenkmal fehlt nicht.

Sonnige Stimmung in Brügge, der subjektiv betrachtet schönsten Stadt auf der Reise (Foto: Axel Scheibe)

Karte? - Während der Etappe Fehlanzeige

Während wir gegen den strammen Wind angehen, der uns aus Norden entgegen kommt, fällt uns ein kleiner Zettel mit Zahlen auf, der Radreiseleiter Uwe Heidtmann als einziges Orientierungsmittel zu reichen scheint. Spielt da Eulenspiegel mit oder was soll das? Ein kleines Rätsel, das sich schnell klärt. In Belgien hat man sich für die Radwanderer ein ganz besonders Leitsystem ausgedacht – Radeln nach Zahlen. An den Wegen und an den Wegkreuzungen findet man oft keinerlei Hinweise auf Ortschaften oder Ziele, nur Zahlen. Was eigenwillig klingt, zeigt sich aber schnell als eine perfekte Lösung. Vorausgesetzt, man hat die dazu gehörenden belgischen Radkarten dabei, auf denen die Zahlen ihr  „geografisches Leben“ eingehaucht bekommen. „Eigentlich perfekt“, meint auch Uwe Heidtmann. „Man schreibt sich am Vorabend bei der Planung der nächsten Tagestour einfach die entsprechende Zahlenfolge auf. Während der Radtour entfällt das oft lästige Suchen auf der Karte.“ Eine Zahl zu vergessen, kann dagegen zu größeren Problemen führen. Da weiß man plötzlich nicht mehr, wo man eigentlich ist. So als ob im Auto das Navi ausfällt. „Die Karten dabei haben sollte man also wohlweislich schon“, ergänzt Uwe Heidtmann.

Von Damme aus geht es über Lissewege nach Blankenberge. Ein schöner Strand, ein blaues Meer und trotzdem eher ein Nordseebad zum abgewöhnen. Wir sind in der Vorsaison gekommen. Da scheint alles ruhig, doch die aus Beton gegossenen Hotelburgen, die den ganzen Strand säumen, lassen für die Sommermonate Schlimmes erahnen. Uns soll es egal sein. Auf kleinen Landstraßen und gepflegten Radwegen rollen wir, den Wind nun im Rücken zurück nach Brügge. Der Anfang ist gemacht und nun wartet erneut die Altstadt mit all ihren Versuchungen…

Gemütlicher Aufenthaltsort: Das Schiff QUO VADIS (Foto: Axel Scheibe)

Wehe wenn der Wind angreift

Ein leichter Hauch Nebel hat sich übers Wasser gelegt. Kein Problem für die ersten Sonnenstrahlen, die unseren Start begleiten. Nun bleibt Brügge hinter uns. Aber, und das war von vorn herein klar, weder Historisches noch Verführerisches. Mit Gent, Antwerpen und Mechelen warten vor unserem Ziel Brüssel noch drei mehr oder minder große Städte mit Ausflügen in die Geschichte Flanderns sowie in die kulinarische Gegenwart der Region. Die Polderlandschaften leben von ihrer Weite, fast tischtuchflach verlangen sie uns Radlern nicht all zuviel ab. Rund 50 km pro Tag sind nicht viel. Nur wenn der Wind sich, was ab und zu geschieht, entschließt von vorn „anzugreifen“, wird die Pedalarbeit schwieriger. Bis Gent jedoch verfliegen die Kilometer entlang des Kanals im wahrsten Sinne des Wortes. Uwe Heidtmann schaut das eine ums andere Mal besorgt auf die Uhr. „So schnell war noch keine Gruppe, mit der ich hier unterwegs war“, stellt er fest und ordnet eine gemütliche Mittagspause an. Überall klappern die Satteltaschen. Da sich jeder am Morgen sein eigenes Brotzeit zusammenstellen kann, ist für das leibliche Wohl bestens gesorgt. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man nicht nur bei einem unserer Mitradler belgische Pralinen oder Schokolade aus dem Verpflegungsbeutel ragen. Auch manche Waffel verschwindet in hungrigen Radlermägen. Ein Ritual, das sich in den nächsten Tagen regelmäßig wiederholen wird.

Kurz nach Mittag erreichen wir Gent. Auf dem Markt schließen wir die Räder ab. Nun bleibt viel Zeit, die Stadt zu erkunden. Der erste Weg führt uns hinauf auf den Belfried. Einen mächtigen Turm ohne Spitze, wie man ihn hier in jeder größeren Stadt findet. In Brügge hatten dessen Öffnungszeiten nicht mit unserem Zeitplan harmoniert, hier in Gent klappt das besser. Einige hundert Stufen geht es hinauf. Vielleicht nicht das perfekte Programm, um stramme Radlerwaden zu lockern, dafür aber der perfekte Ausblick. Wie ein Spielzeugdorf liegt die Altstadt unter uns. Weit eicht der Blick über das flache Land. Auf der Erde zurück bummeln wir durch die Straßen und Gassen, die wir bereits von Oben in Augenschein genommen haben. Gent, die Hauptstadt Ostflanderns, misst sich gern mit Brügge, ihrer westlichen Schwester. Das mag den Gentern gegönnt sein, doch wenn man uns fragen würde, welche Stadt letztlich die Nase vorn hätte, würden wir in Gent mit dieser Antwort etwas vorsichtig sein. Sicher, der Charme Gents hat etwas für sich. Wären wir nicht vorher in Brügge gewesen, hätte es Gent sicher leichter gehabt, unsere Liebe zu wecken, so fällt die Entscheidung nicht sehr schwer … Brügge bleibt unsere Nummer 1. Und um es vorweg zu nehmen, das ändert sich bis zum Ziel nicht. Was nicht gegen die vielen reizvollen Dörfer und Städte spricht, die noch folgen sollten, sondern ganz einfach nur für Brügge.

Dass Radeln in Flandern Spaß macht, scheint sich herumgesprochen zu haben. So eng wie hier wird es trotzdem selten (Foto: Axel Scheibe)

Ein Zahlenpuzzle

Neben der Besteigung des Belfrieds starten wir in Gent noch ein weiteres Ritual. Fast immer sind wir deutlich schneller unterwegs, als unser schwimmendes Hotel. Eine Kunst ist das nicht. Erstens darf das Schiff kaum schneller fahren als 10 Knoten und zweitens stehen einer flotten Schiffsreise auch immer mal wieder Brücken und Schleusen im Weg. Hindernisse, die wir lächelnd umfahren können. Da heißt es dann am Nachmittag warten, bis Skipper Rendert Jan seine QUO VADIS am Kai festmachen kann. Dort wartet dann nicht nur eine heiße Dusche, sondern dampfender Kaffee, belgische Waffeln (wie sollte es anders sein) und auf manchen durstigen Radler die dritte und nicht unwichtige belgische Spezialität – Bier.
Immer nach dem Abendessen, auch das ein Ritual, packt Uwe Heidtmann seine Radkarten aus und zeigt noch einmal, wo es heute entlang ging und welche Wegstrecke morgen auf dem Plan steht. Und dabei kommt auch wieder der kleine Zettel ins Spiel – Zahl reiht sich an Zahl. Wie gesagt, Radeln nach Zahlen von Brügge nach Brüssel. Ein Puzzlespiel aus sechs abwechslungsreichen Tagesabschnitten mit knapp 300 Kilometern.

Ebenso allgegenwärtig wie die kulinarischen Verführungen: die heimische Blütenpracht (Foto: Axel Scheibe)

Mehr als ein Volkssport

Von Gent geht es entlang von Kanälen und Flüssen weiter nach Dendermonde. Erneut hilft uns der Wind. Zum ersten Mal, das soll sich wiederholen, müssen wir eine der zahlreichen und sogar kostenlosen Fähren nutzen, die in regelmäßigen Abständen dort Kanäle und Flüsse queren, wo es an Brücken mangelt. Ab und an treffen wir auf andere Radwandergruppen. Hier ist Radfahren mehr als ein Volkssport. Man merkt es den Radwegen an. Abgesehen von einigen Stadtdurchfahrten, die mit Kopfsteinpflaster glänzen, geht es zumeist auf bestens asphaltierten Wegen zum Ziel. Und siehe da. Auf der Scheldedeichroute gibt es sogar neben den magischen Zahlen Hinweisschilder mit Routenkarten. (Ob man hier dem Zahlenspiel doch nicht so ganz traut?)

Die Koffer sind fast wieder gepackt. Das Auto von Brügge nach Brüssel geholt. Den letzten Abend an Bord nutzen wir zu einem kleinen Resümee: Entgegen vieler Befürchtungen rückte die Sonne unsere Tour durch Flandern fast immer ins rechte Licht. Antwerpen, Mechelen und Lier wurden ihrer angekündigten Rolle als weitere Höhepunkte durchaus gerecht. Von manchem Belfried bot sich ein weiter Blick über die Polderlandschaften und auch die kulinarischen Verführungen sind uns die ganze Reise über treu geblieben. Windmühlen säumten unsere Wege, manch kleines Museum und manch Gasthof luden zur Einkehr ein. Besonders im Gedächtnis bleiben da wohl die gemütlichen Stunden im „11. Gebot“, der wohl urigsten und eigentümlichsten Kneipe in Antwerpen, in der wir auf die Blaue Stund, das ideale Fotolicht für Nachtaufnahmen gewartet hatten.
Ein bisschen Wehmut schwingt immer mit, wenn es heißt Abschied zu nehmen. Ein guter Grund für ein letztes „Leffe“, das Schwarzbier, das nach 50 Radkilometer am besten geschmeckt hat. Manche Adresse wechselt den Besitzer. Rendert Jan, unser Kapitän, der die QUO VADIS auch durch die engsten Stellen sicher geleitet hat, tauscht das Steuerrad mit dem Keyboard. Es wird spät an diesem Abend. Noch lange klingen Lieder über Deck. Schön zu wissen, das manch leckeres Andenken an die Tage in Flandern bereits seinen Platz im Auto gefunden hat.

Axel Scheibe

Die Fahrradroute führt meist entlang kleiner Flüsse und Kanäle auf den Deichkronen (Foto: Axel Scheibe)

Praktische Informationen

Etappen
Samstag: Individuelle Anreise nach Brügge, ab 15 Uhr Einschiffung, abendliche Bummel durch Brügge.
Sonntag: Rundtour von Brügge über Damme und Lisswege nach Blankenberge und zurück nach Brügge. Rund 55 Kilometer.
Montag: Radtour von Brügge über Beernem und Aalter nach Gent. Rund 48 Kilometer.
Dienstag: Von Gent entlang der Schelde nach Dendermonde. Rund 44 Kilometer.
Mittwoch: Von Dendermonde über Sint Amands und Niel nach Antwerpen. Rund 46 Kilometer.
Donnerstag: Von Antwerpen über Lier nach Willebroek. Rund 40 Kilometer
Freitag: Von Willebroek über Mechelen nach Vilvoorde. Rund 48 Kilometer. Fahrt mit dem Schiff nach Brüssel

Diese Tour wird in vierzehntägigem Rhythmus auch in umgekehrter Richtung gefahren.

Anreise
Mit dem Pkw je nach Ausgangspunkt zum Grenzübergang Venlo auf der A67 vorbei an Eindhoven nach Antwerpen, von dort auf A14 nach Brüssel, weiter auf der A10 nach Brügge. Dort kann man das Fahrzeug für 2,50 Euro je Tag auf dem Großparkdeck am Bahnhof abstellen. Nach Ankunft in Brüssel entweder das Fahrzeug noch am Abend von Brügge nach Brüssel holen, Züge von Brüssel nach Brügge aller halbe Stunde. Fahrzeit rund eine Stunde, oder am Samstag früh mit Gepäck und Zug nach Brügge und von dort direkt die Heimfahrt antreten.
Anreise mit dem Zug je nach Ausgangspunkt unter Umständen mit mehrmaligem Umsteigen über Brüssel nach Brügge. Vom Bahnhof zum Schiff rund 10 Minuten zu Fuß.

Rad/Schiffsreise mit der Quo Vadis
SE Tours, Langener Landstraße 266, 27578 Bremerhaven, Tel. 0471/483880, info@se-tours.de, www.se-tours.de

Allgemeine Informationen zur Region
Belgien Tourismus Wallonie-Brüssel
Stolkgasse 25-45
50667 Köln
Tel. +49 221 277 59 0
info@belgien-tourismus.de
www.belgien-tourismus.de

Chef an Bord der QUO VADIS ist Skipper Rendert Jan de Waard (Foto: Axel Scheibe)

Kommentare

peter gawellek, 04-10-12 11:27:
wir hätten interesse mai 2013 an diese reise - brügge - brüssel. was kostert die reise? mfg gawellek

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Text/Fotos: Axel Scheibe (c) copyright, Alle Rechte vorbehalten

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