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Kurische Nehrung: Durch die Sahara Nordeuropas

Eine Radtour auf einer 98 Kilometer langen Sanddüne? Einer Sanddüne im hohen Norden Europas? Und links und rechts nichts als das Meer? Ja, das gibt es wirklich: An der Westküste Litauens, auf der Kurischen Nehrung.

Die Spitze der 52 Meter hohe Parnidis-Düne ist der höchste Punkt im Sandareal der Kurischen Nehrung (Foto: Christine Amrhein)
Kurische Nehrung, Parnidis-Düne bei Nida

Wer sich in der kurzen Saison zwischen Juni und September dazu durchringt, statt nach Süden in den kühlen Norden zu reisen, wird nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die vermeintlich flache, gleichförmige Landschaft des Baltikums hat einige Überraschungen zu bieten.

Das beginnt schon bei der Ankunft in der Hafenstadt Klaipeda, der drittgrößten Stadt Litauens. Ähnlich wie die Orte in der Umgebung hat Klaipeda auch einen deutschen Namen: Memel. Bis zum Ende des ersten Weltkriegs bildete die Stadt die östliche Außengrenze des Deutschen Reichs. Und hinter einem riesigen Industriehafen mit Ladekränen und haushohen Containerschiffen versteckt sich tatsächlich eine typisch deutsche Altstadt –in der die Zeit vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein scheint. Beim Bummel durch die engen Kopfsteinpflasterstraßen trifft man auf schmucke Fachwerkhäuser, hohe, fensterlose Lagerhäuser, eine Apotheke namens „Schwarzer Adler“ oder die Statue des deutschen Dichters Simon Dach.

Los geht’s: Durch eine weltweit einmalige Landschaft

Direkt im Zentrum kann man sich bei der freundlichen Touristeninformation gleich ein Radl ausleihen. Und los geht‘s zu einem ein- oder zweitägigen Ausflug auf die Kurische Nehrung, nur einen Katzensprung von Klaipeda entfernt.

Dieser schmale Landstreifen im baltischen Meer ist auf der Welt einzigartig: Er erstreckt sich über 98 Kilometer vom Festland Litauens bis zur russischen Region Kaliningrad. Dabei ist das schmale Gebilde an seiner breitesten Stelle gerade mal vier Kilometer, an seiner schmalsten nur 400 Meter breit – und es besteht ausschließlich aus Sand. Sand, der sich an manchen Stellen zu hohen Dünen auftürmt. Andernorts wächst dichter Pinien-, Birken-, und Erlenwald, in dem Elche, Rehe und Wildschweine umherstreifen.

Idyllisches Radeln: Auf dem Weg von Juodkrante nach Nida (Foto: Christine Amrhein)
Pinienwald in der Kurische Nehrung bei Juodkante

Die Tour beginnt mit einem Sprung auf die Passagierfähre, die am alten Hafen von Klaipeda startet. Alle halbe Stunde tuckert sie durch die schmale Meerenge vom Festland bis zum Nordende der Nehrung. Von hier sind es 52 Kilometer bis zur litauisch-russischen Grenze – dem Ende des Weges für alle, die kein russisches Visum besitzen.

Die ersten 20 Kilometer bis zum Dorf Juodkrante sind eher eine Pflichtübung: Hier geht es größtenteils schnurgerade durch dichten, schattigen Pinienwald. Wer sich dieses erste, etwas eintönige Stück des Weges sparen will, kann auch den Bus nehmen – und sich erst in Juodkrante ein Fahrrad leihen.

Alte Wetterfahnen – und ein geheimnisvoller Hexenhügel

Juodkrante hieß früher Schwarzort und liegt idyllisch und verschlafen an einer langgezogenen Bucht. Auf einem breiten, wenig befahrenen Radweg geht es gemütlich am Ufer entlang – vorbei an Steinskulpturen und rötlich-braunen Holzhäusern. In den Vorgärten fallen bunt bemalte „Schiffchen“ ins Auge, die an langen Stangen befestigt sind: Wetterfahnen aus Holz oder Metall, die im 19. Jahrhundert an den Masten der Boote befestigt wurden. Sie zeigten an, wie weit ein Schiffer schon herumgekommen war. Ein Elch, ein Segelschiff oder blau-weiß-rote Häuser: Alles Symbole für die Orte, in denen das Schiff bereits angelegt hatte.

Die vielen Wetterfahnen in den Vorgärten der Bewohner Juodkrantes zeigen, welche Häfen die Schiffer bereits angesteuert haben (Foto: Christine Amrhein)
Wetterfahne in Juodkrante auf der Kurischen Nehrung

Spannend ist auch ein Ausflug in den „Hexenwald“ südlich von Juodkrante. Auf einem Hügel verstecken sich hier groteske, aus Holz geschnitzte Figuren, die litauischen Märchen und Volkssagen entstammen: Teufel, Hexen, langbärtige alte Männer. Und natürlich die Sagenfigur Neringa: Eine Riesin, die vor Hunderten von Jahren die Nehrung geschaffen haben soll, indem sie unzählige Ladungen Sand in ihrer Schürze herbei trug.

In Juodkrante beginnt auch ein eigener Radweg, der bis ins 30 Kilometer entfernte Nida führt. Aber Achtung: Ab hier ist Radeln auf der Straße streng verboten! Wer die Abzweigung zum Radweg verpasst, wird womöglich von einem entgegenkommenden Bus deutlich daran erinnert, indem er Radler fast von der Straße drängt.

Rechts hohe Sandhügel, links idyllische Lagunen

Doch gegen den Radweg ist gar nichts einzuwenden: Er folgt zunächst der westlichen Küste und führt zwischen duftenden Pinien und einem Damm entlang, hinter dem sich kilometerlange Sandstrände verbergen. Dann geht es ein Stück im „Landesinneren“ parallel zur Straße, bis die Route nach Osten abzweigt und nach mehreren Kurven über sandige, bewaldete Hügel das Ufer der Kurischen Lagune erreicht. Ab hier folgt man einfach der Uferlinie, vorbei an den winzigen Fischerorten Pervalka und Preila. Dabei lädt schon der Duft, der einem von Preila entgegen weht, zu einem kurzen Zwischenstopp ein: Hier wird frischer Fisch aus der Lagune geräuchert, den man im Restaurant des Familienbetriebs gleich probieren kann.

Eine Holzfigur der Riesin Neringa, die die Kurische Nehrung erschaffen haben soll. Sie steht im „Hexenwald” (Foto: Christine Amrhein)
Holzfigur der Riesin Neringa auf der Kurischen Nehrung

Anschließend ziehen links Buchten mit hohem Schilfgras vorbei, in denen sich Kormorane, Enten und Reiher tummeln. Und rechts sind in den Waldschneisen immer wieder hohe, mit Gras überwachsene Sanddünen zu sehen. Die höchste von ihnen ist die Vecekrugas Düne – 67 Meter hoch. Sie gehört zu einem Grat, der unter dem Namen „Old Inn Hill“ bekannt ist: Früher stand am Fuß der Düne ein Gasthof, der jedoch irgendwann unter den Sandmassen begraben wurde.

Tatsächlich hat der Sand, der sich hier vor 5000 bis 6000 Jahren durch Wind und Wellen vor der Küste anhäufte, im Lauf der Zeit schon mehrere Dörfer unter sich begraben. Auch heute noch wandern die Sanddünen ständig weiter – um mindestens einen Meter pro Jahr. Immerhin konnte die Wanderbewegung seit dem 18. Jahrhundert durch Aufforstung deutlich gebremst werden: Vorher bewegte sich der Sand um bis zu 20 Meter pro Jahr.

Ein alter Fischerort und die „Sahara Litauens“

Nach einer weiteren Kurve tauchen am Ufer der Lagune die ersten Häuser Nidas auf. Das frühere deutsche Nidden sieht immer noch aus wie ein Fischerort aus dem 19. Jahrhundert: Urige Holz- und Fachwerkhäuser mit blauen Fensterläden und strohgedeckten Dächern, blühende Vorgärten, in denen alte Holzboote lagern, eine evangelisch-lutherische Kirche aus dem Jahr 1888. Auf dem alten Friedhof neben der Kirche trifft man auf ein Sammelsurium alter, verwitterter Holzkreuze, die wie Menschenfiguren mit herzförmigen Gesichtern aussehen. Diese so genannten Krikstai sollten den Verstorbenen helfen, aus dem Grab aufzustehen und in den Himmel aufzusteigen.

Hat sich den Charme eines Fischerorts aus dem 19. Jahrhundert bewahrt: das touristische Zentrum der Nehrung – Nida (Foto: Christine Amrhein)
Nida auf der Kurischen Nehrung

Nida ist zwar das touristische Zentrum der Nehrung – aber es strahlt eher Ruhe als Rummel aus. Viele Hotels und Privatunterkünfte laden hier mit der Aufschrift „Zimmer frei“ zum Verweilen ein. Und direkt am Hafen locken Restaurants mit Sonnenterrassen und traditionellen Gerichten: fangfrischem Fisch, Pfannkuchen oder geräucherten Schweineohren mit geröstetem Schwarzbrot – ein beliebter Snack zum Knabbern.

Frisch gestärkt geht es weiter zum Höhepunkt der Tour: Der 52 Meter hohen Parnidis-Düne, nur ein kurzes Stück südlich von Nida. Holztreppen führen auf den höchsten Punkt des sieben Quadratkilometer großen Sandareals, das nicht zu Unrecht „die Sahara Litauens“ genannt wird. Der Blick in die Umgebung hat etwas Unwirkliches: Man fühlt sich in die Wüste Afrikas versetzt, die sich zwischen die tiefgrünen Wälder und roten Ziegeldächer Nordeuropas verirrt hat.

Natur, Kultur oder einfach ausspannen?

Nach den körperlichen Mühen hat man nun die Qual der Wahl: Man könnte sich der Natur widmen und den 1,8 Kilometer langen Parnidis Cognitive Path erkunden – einen Lehrpfad, der die Flora und Fauna der Dünenlandschaft erklärt. Vielleicht ist auch die Kultur interessanter: Da gäbe es die Villa von Thomas Mann zu besichtigen, in der der Schriftsteller die Sommer von 1930 bis 1932 verbrachte.

Ein traditionelles Gericht: Geräucherte Schweineohren mit geröstetem Schwarzbrot (Foto: Christine Amrhein)
Geräucherte Schweineohren mit geröstetem Schwarzbrot

Oder man schwingt sich ein letztes Mal auf sein Rad und folgt einer zwei Kilometer langen Straße Richtung Westen. Dort, wo der Weg endet, beginnt ein langer, von Dünen gesäumter Sandstrand – ideal, um den Tag mit süßem Nichtstun zu beenden.

Praktische Infos

Anreise
Von der Hauptstadt Vilnius erreicht man Klaipeda am besten mit dem Bus (Fahrtdauer: 5,5 Stunden, häufige Abfahrten) oder mit dem Zug (Fahrtdauer 4,5 bis 5 Stunden, 3 Züge am Tag).

Klaipeda wird von den deutschen Städten Kiel und Sassnitz regelmäßig von großen Auto- und Passagierfähren angefahren. Weitere Infos: www.dfdsseaways.de, www.lisco.lt

Auf der Kurischen Nehrung gibt es Busverbindungen von Smiltyne über Juodkrante (20 Minuten) bis Nida (45 Minuten). Die Busse fahren allerdings unregelmäßig, zum Teil im Abstand von 1,5 Stunden. Deshalb am besten am Fährhafen oder beim Busfahrer nach den Fahrzeiten erkundigen!

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit für Litauen ist der Sommer. In der Zeit von Juni bis August sind die Temperaturen warm und die Tage lang, Schwimmen im baltischen Meer ist möglich. Auch der Herbst (September bis November) bietet gute Bedingungen für eine Radtour: Um diese Jahreszeit sind die Tage oft noch sonnig und warm, die Nächte können aber schon frostig kalt sein. Im Frühling (April bis Mai) ist es dagegen oft noch kühl, und der Schnee hält sich oft bis in den Mai hinein. 

Adressen

Touristeninformation in Klaipeda
Turgaus gatve 7
Tel. 046-412186 (Landesvorwahl Litauen: +370)
Webseite: www.klaipedainfo.lt
Öffnungszeiten: Juni bis August: Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa-So: 10-16 Uhr; im Mai und September jeweils eine Stunde kürzer, von Oktober bis April nur Mo-Fr 9-18 Uhr

-> verleiht Fahrräder für ca. 2 Euro pro Stunde bzw. 8 Euro am Tag, plus 100 Euro Pfand

Radverleih in Juodkrante
Liudviko Rezos gatve 8, in der Nähe der Bushaltestelle

Unterkünfte

in Klaipeda
Hotel Aribe
Bangu gatve 17a,
Doppelzimmer: ca. 50 Euro
www.aribe.lt

Old Port Hotel
Zveju gatve 20/22
Doppelzimmer: ca. 85 Euro
www.oldporthotel.lt

in Juodkrante
Vila Flora
Kalno gatve 7a
Doppelzimmer: ca. 81 Euro
www.vilaflora.lt

in Nida
Misko namas
Pamario gatve 11-2
Zimmer: ab ca. 70 Euro
www.miskonamas.com

Hotel Jurate
Pamario gatve 3
Doppelzimmer: ca. 65 Euro
www.hotel-jurate.lt

Text und Fotos: Christine Amrhein

Alle Angaben wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Radtouren.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.