E-Bike-Kauf-Interview mit Gunnar Fehlau

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Was man beim Kauf eines E-Bikes beachten sollte

Kauftipps und Infos vom Fahrrad-Spezialisten Gunnar Fehlau

RADTOUREN.DE: Wir sind zu Gast bei Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad. Gunnar ist nicht nur total begeisterter Fahrradfahrer, sondern kennt sich auch in vielen Details der Fahrradbranche aus, weil er bereits vielen Jahre dort unterwegs ist. Heute sprechen wir über E-Bikes und was man beim E-Bike-Kauf beachten muss. Gunnar, wenn ich ein E-Bike kaufen möchte, womit fange ich an?

GUNNAR FEHLAU: Erstmal ist natürlich die grundsätzliche Frage zu klären: Ich möchte ein E-Bike haben. Also sich für den Motor entscheiden. Und danach muss man wissen, wie das in der Psychologie immer heißt, man kann Dinge nur bewerten, für die man Kategorien hat. Also Kategorien schaffen, viel ausprobieren. Mein Tipp ist, auf irgendeiner Veranstaltung mehrere Fahrradläden besuchen und erstmal salopp wild drauf losfahren. Verschiedene Motoren, verschiedene Radkonzepte, verschiedene Preisklassen. Erstmal gar nicht auf Preisschilder gucken. Erstmal gucken, wie fahren sich die verschiedenen Motoren, wie fahren sich verschiedene Radgattungen und dann nach einer Zeit wird man ganz von alleine merken, was einem gefällt oder was einem nicht so gut gefällt.

RADTOUREN.DE: Jetzt bin ich ein ganz normaler, vielleicht ganz herkömmlicher Fahrradfahrer, ein Radler mit einem ganz normalen Fahrrad, einem Stahlbike noch aus alten Zeiten. Ich weiß gar nicht, was muss ich denn jetzt testen, wonach muss ich mich richten, worauf muss ich aufpassen. Was wäre das erste Kriterium, das ich mir als Neueinsteiger anschauen muss?

GUNNAR FEHLAU: Das Erste ist sicherlich die Motorposition und dann der Motorenhersteller. Also brauche ich einen Front-Heck-Motor, was eher in der Defensive ist. Mittelmotor ist auf dem Durchmarsch und das führende Konzept und sicherlich auch für 80 Prozent der Leute die beste Wahl. Dann gibt es verschiedene Hersteller von den Motoren, die unterschiedliche Charakteristiken haben, die unterschiedliche Motorenmodelle haben. Der eine steht eher dafür, ein bisschen leiser zu sein, der andere steht eher dafür, im Gelände bei niedriger Frequenz etwa durchzugstärker zu sein. Das sind Unterschiede, die man im wahrsten Sinne des Wortes erfahren kann und auch erfahren sollte, damit ich weiß, was will ich mit dem Rad machen, welcher Motor gefällt mir am Ende am besten.

RADTOUREN.DE: Habe ich beim Rahmen irgendwas zu beachten? Bei der Rahmengröße, bei der Rahmengestaltung?

GUNNAR FEHLAU: Na ja, beim Rahmen sind wir halt im Konzept. Also mir nützt der beste Laufschuh nichts, wenn ich eigentlich einen Bergstiefel bräuchte und mir nutzt der beste Fußballschuh nichts, wenn ich damit Hockey spielen will. Ich muss natürlich dann die Frage stellen, was will ich mit dem Fahrrad machen. Wo bin ich auf welche Weise wie unterwegs und auch ein bisschen warum. Will ich Rennen gewinnen oder will ich sicher zur Arbeit kommen? Habe ich eine bergige Strecke vor mir oder ist es flach, aber dafür oft mit Gegenwind. Und wenn ich die Kriterien so ein bisschen für mich festgemacht habe und auch das, was vielleicht in Zukunft kommen könnte, dann kann ich das entweder selber in Technik übersetzen oder ich habe einen Händler, der aus den verschiedenen Kriterien das in Technik übersetzt. Und dann sagt: Sie brauchen, ich nenne es mal, ein reisetaugliches Rad, eher mit einem tiefen Durchstieg, weil der Rücken schon ein bisschen zieht. Für jemand anderes ist das E-Mountainbike die Offenbarung, weil man damit knifflige Sachen bergauf fahren kann und sich trotzdem nicht mehr wochenlang Kondition antrainieren muss.

RADTOUREN.DE: Jetzt sind ja unsere Leser*innen hauptsächlich Menschen, die mit dem Fahrrad in Urlaub fahren, eine Radreise unternehmen möchten – für ein Wochenende oder etwa einem längeren Zeitraum. Was ist für Leute, die mit dem Fahrrad in Urlaub fahren möchten, das richtige E-Bike?

GUNNAR FEHLAU: Das eine ist natürlich, dass wenn ich auf Touren bin, ich mir über die Ladelogistik und über die Energielogistik Gedanken machen muss. Also bin ich jemand, da wo es dreistellig wird, geht es über 100 Kilometer am Tag? Bin ich jemand, der eher schnell und sportiv fährt? Der Motor kann auch da neue Möglichkeiten bedeuten. Also früher bin ich den Rhein-Radweg gefahren, den Donau-Radweg rund um den Bodensee. Warum? Weil es flach war, weil es sonst anstrengend wurde. Habe ich ein E-Bike, kann ich plötzlich wieder hoch zu den Schlössern fahren, in die Berge fahren, die ich früher ohne Motor gar nicht in Angriff genommen hätte. Also auch da kann der Motor im Prinzip das Reisen verändern und das sollte ich mir vorher überlegen. Warum bin ich unterwegs und will ich Unterstützung haben, bei dem was ich sowieso tue oder will ich vielleicht mit dem Motor neue Möglichkeiten bekommen? Wir sehen ja Räder, die in die Richtung zielen. Wir haben sie ja auch hier schon um uns. Räder, wo es wieder ein bisschen mehr in Richtung Gelände, Richtung schlechte Straße, Richtung Hügel geht. Das ist für die Leute interessant, die ohne Motor sagen, das ist mir zu anstrengend. Da habe ich keine Lust mehr drauf. Ich habe genug gebuckelt im Leben, da muss ich mich jetzt nicht noch am Wochenende quälen. Dann ist so ein Motor auf jeden Fall interessant.

Andere sagen, ich bin doch eher so der 120-Kilometer-Typ. Dann muss ich natürlich auf den Akku achten. Ist der ausreichend groß und welche Ladelogistik habe ich. Also gut sind diese Doppel-Akku-Systeme mittlerweile, bei denen ich mit einem Ladegerät beide Akkus über Nacht laden kann. Ansonsten habe ich das Dilemma: Zwei Akkus mitnehmen ist erstmal eine schlaue Idee. Nur wenn ich dann nachts um 1:00 Uhr den Wecker stellen muss oder um 2:00 Uhr, um den einen Akku rauszustöpseln und den anderen hinein zu tun, dann ist die Nacht irgendwie auch doof. Insofern sind Doppel-Akku-Systeme ab Werk ganz schlau. Das andere ist, dass ich mir gegebenenfalls von einem bekannten einen Akku ausleihe. Für drei Tage, für das Wochenende und sagen: du fährst nur zur Arbeit, du brauchst ihn jetzt am verlängerten Wochenende nicht, ich könnte ihn brauchen. Und dann mit einer Flasche Rotwein auslösen. Das ist vielleicht auch eine ganz schlaue Strategie, anstatt sich für teuer Geld einen zweiten Akku zu kaufen. Also da muss man sich ein bisschen Gedanken machen.

Ungeachtet dessen, braucht man keine Angst zu haben. Anders als beim Auto. Wenn beim Auto der Tank leer ist, dann schiebt man, dann war es das. Beim E-Bike habe ich in der Regel danach ein etwas schwereres und sperrigeres Fahrrad, aber es bleibt ein Fahrrad, das ich pedalierend irgendwie nach Hause bringen kann und mich zurück in die Zivilisation. Also diese Angst, dass wenn der Akku leer ist, die Welt untergeht, so schlimm ist es ja beim E-Bike nicht.

RADTOUREN.DE: Aber diese Reichweite der Akkus wird ja immer wieder diskutiert. Du hast ja recht, es sind auch Ängste, die dann bei den Käufern vorhanden sind. Wie lange halten eigentlich die Akkus, durchschnittlich in welchem Range bewegt sich das? Von bis – was kann man da sagen?

GUNNAR FEHLAU: Das ist eine ganz gefährliche Aussage. Wenn ich von so einem klassischen Standard 500 Watt-Stunden Akku ausgehe, würde ich es mal so formulieren, dass in nahezu jeder Fahrweise – das E-Mountainbike mal außen vorgelassen – auf Touren, ich sag mal zwischen 35 und 50 Kilometer, ich das wirklich überall und mit jedem Gepäck hinbekomme. Aber das hat eine extreme Range. Also die 50 Kilo-Frau, die mit Kreditkarte und Zahnbürste unterwegs ist, die kommt natürlich irgendwie ungleich weiter, weil sie früher vielleicht noch Triathlon gemacht hat als der Mensch, der 40 Jahre im Bürostuhl gesessen hat und ohnehin schon zwei Meter groß war und noch irgendwie drei Bücher und eine Flasche Rotwein mitnimmt.

RADTOUREN.DE: Also sag doch trotzdem mal irgendeine Range?

GUNNAR FEHLAU: 30 bis 50 Kilometer, 60 geht eigentlich mit jedem. Mit  zweitem Akku entsprechend das Doppelte. Das heißt, ich kann auch an diese 120, 130 Kilometer rankommen, wenn ich sehr sparsam mit der Unterstützung umgehe und so einen Doppel-Akku, so ein 1.000 Watt-Stunden-System, dabei habe.

RADTOUREN.DE: Wenn wir schon beim Range sind. Wie sieht eigentlich die preisliche Range aus? Was kostet ein vernünftiges E-Bike von bis? Ich glaube, nach oben sind die Möglichkeiten offen. Aber wann geht es los und wann hört es vernünftigerweise auf?

GUNNAR FEHLAU: Na ja, Vernunft ist ein gefährliches Thema oben. Darüber sprechen wir gleich. Fangen wir erstmal an. Also Kernaussage ist, wenn wir uns angucken: Ein gutes Fahrrad kostet 500 Euro. Drunter passiert gar nichts. Ein tourentaugliches Rad ist ja eher so bei 1.000 Euro. Und wenn man sich früher mal für das Handy, als man das noch konnte, einen Akku gekauft hat, dann war er so groß wie ein Energie-Schoko-Riegel und hat ungefähr 30 Euro gekostet. Und jetzt ist der Akku am E-Bike natürlich eher so groß wie zwei Tetra-Packs Milch. Völlig klar, der kostet zwischen 400 bis 800 Euro. Dann brauche ich noch den Motor, dann brauche ich noch ein bisschen Steuerung, so dass relativ schnell klar ist: 1.500 bis 1.700 Euro kostet ein E-Bike mal sowieso. Wenn es tourentauglich sein soll, eher 2.000 Euro. Ich würde es drastisch sogar so formulieren: Unter 2.000 Euro leidet der Fahrspaß, unter 1.500 Euro zudem die Sicherheit. Die meisten Leute geben so zwischen 2.000 und 2.500 Euro aus. Durchschnittsverkaufspreis ist so rund bei 2.500 Euro. Das ist auch schon so in der Range, in der es das beste Preis-Leistungsverhältnis gibt. Da sind die Hersteller am geballteste, irgendwo zwischen 2.000 und 3.000 Euro. Ich würde mal so sagen: ab 4.000 Euro geht es fließend in die Liebhaberei über. Das würde ich nicht unvernünftig nennen. Die Räder können eine Offenbarung für die Lebensfreude sein. Aber ab einer bestimmten Stelle tut man sich so mit dem sinnhaften Erklären und dem ganz rationalen Herleiten etwas schwerer. Aber das gilt für Sonnenbrillen, das gilt für viele andere Dinge auch, für Handtaschen und für den ein oder anderen Rotwein oder Whiskey gilt das auch. Dass es nach oben einfach Preise gibt, die man nicht mehr erklären kann.

RADTOUREN.DE: Und Fahrräder, die so als Sonderangebot für 800 Euro in den Handel kommen, davon hältst du gar nichts, nehme ich an?

GUNNAR FEHLAU: Ich würde sagen, da ist die Irrtumswahrscheinlichkeit sehr hoch. Also das fängt ja bei der Rahmenhöhe an. Was nützt es mir, wenn mein Wunschtraumschuh in Schuhgröße 41 angeboten wird, wenn ich selber 44 habe. Das würde bei Schuhen kein Mensch machen. Bei Fahrrädern passiert das, dass dann jemand sagt: Es war ein Schnäppchen, habe ich mir gekauft. Und er sitzt einfach schlecht drauf. Da kann sich kein Fahrspaß entfalten. Das heißt, es ist sowieso sehr schwer bei allen Extremen: Also unter 1,60 m und über 1,90 m braucht man mit diesen Rädern nie anzufangen. Die gibt es in den Größen eigentlich nie. Meist ist es auch so, keiner kann da zaubern. Also irgendwo muss gespart werden. Schlimmstenfalls bei der Sicherheit, in der Regel beim Fahrspaß. Unter 1.000 Euro geht gar nichts. Unter 1.500 Euro wirklich mit Zähne knirschen. Ab 2.000 Euro kann man nur noch das falsche Rad kaufen, aber kaum noch Schrott. Den gibt es da nicht mehr.

RADTOUREN.DE: Jetzt hast du uns unheimlich viele Informationen gegeben. Wie sähe denn eigentlich dein Lieblings-E-Bike aus?

GUNNAR FEHLAU: Das ist unfair. Ich habe natürlich a) aus beruflichem Zusammenhang unglaublich oft Räder für einen kurzen Zeitraum. Also bin ich in der glücklichen Position mich nicht festlegen zu müssen und die Garage ist natürlich schon mit einem stattlichen analogen Fuhrpark ausgestattet. Ich kann mal so sagen, welche Räder mich gerade besonders reizen und erreichen. Also ich finde das Thema E-Bike total spannend, weil sich da gerade eine neue Sportart entwickelt, bei der es mir auf einmal Spaß macht, Sachen hochzufahren, die ich früher nur runtergefahren bin. Das finde ich so als Entwicklung spannend und könnte mir vorstellen, dass das meinen Fuhrpark relativ zeitnah bereichert.

Ich finde das Thema Transportrad gut. Also die Idee, das Auto zu ersetzen, trotzdem nicht zu schwitzen. Da gibt es super spannende Konzepte. Perspektivisch kann ich mir vorstellen: ich will abenteuerliche Sachen machen, aber ich habe dummerweise unter der Woche nicht die Zeit, ausreichend dafür zu trainieren. So dass ich einfach mit dem Motor zusammen auf einmal in Gegenden komme, in Sachen reinfahren kann und Sachen fahren kann, die ich mit meiner Lebensrealität sonst nicht hinbekäme. Also da denke ich mir: Die Räder kommen ja jetzt, diese Reise- und Expeditions-E-Bikes. Das finde ich noch mal ein spannendes Thema.

RADTOUREN.DE: Super. Vielen Dank für die Erkenntnisse und ich freue mich noch auf viele weitere Gespräche mit dir über neueste Entwicklungen im Bereich E-Bikes und was da alles drumherum noch dazu gehört.

Das Interview führte Ertay Hayit

 

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