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Flussabwärts – Mit dem Rad von Freiburg zum Mittelmeer

Reisebericht von Karl-Heinz Behr

Vom Dach der Kirche in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, dem höchsten Aussichtspunkt weit und breit in der Camargue ein Blick zurück auf die Radtour: 13 Tage, davon 11 Fahrtage, etwas mehr als 1.000 Kilometer vom Schwarzwald hierher ans Mittelmeer.

„Flussabwärts“ hatte ich mir vorgenommen: Flussabwärts, weil ich lieber fünf Kilometer Umweg radle, wenn ich einen steilen Anstieg vermeiden kann. Aber auch, weil mich die Wasserwege in Frankreich schon lange faszinieren: waren doch bis zum Siegeszug von Eisenbahn und Auto die Wasserwege, wie der Rhein-Rhône-Kanal, die wichtigsten Transportwege für Waren und Menschen in Frankreich.

Startbereit: Im März startet der Autor seine Tour ans Meer in Freiburg

Leider erst flussaufwärts

Sonnig und kühl der Start am 22. März in Freiburg im Schwarzwald. Das Motto der Tour erhält gleich zu Beginn einen Dämpfer, denn erst geht es Rhein aufwärts Richtung Basel. Die schnellste Route fährt man auf dem Rheindamm, dann bei Neuenburg hinüber nach Frankreich. Der Containerhafen von Mulhouse bremst den Radler aus, weil er umfahren werden muss und der Rheindamm neu zu suchen ist. Zwar wäre es nun kürzer, das Flussufer zu verlassen und direkt nach Mulhouse zu fahren, aber den Beginn des Rhein-Rhône-Kanals will ich auf keinen Fall verpassen. Leider stellt sich heraus: es ist nicht Beginn sondern Ende des Kanals. Also weiterhin flussaufwärts, möglichst am linken Kanalufer, um nicht wieder in einer Hafenanlage zu stranden. Die Fahrt durch Mulhouse wird zum Suchspiel zwischen Industriegebiet und Vorstadt Les Côteaux, bis ich den Ausgang Richtung Campingplatz Heimsbrunn, ein paar Kilometer hinter der Stadt, finde.

Am nächsten Morgen so schnell wie möglich zurück zum Kanal bei St. Bernard. Ortsnamen auf dem Weg: Galfingue, Speckbach-Le-Haut, – typisch Elsaß, dieses deutsch-französische Sprachgemisch. Obwohl Hinweisschilder auf Radwege hier Mangelware sind, war mit Hilfe Einheimischer der Einstieg bald gelungen. Dabei ist der Radweg gut ausgebaut und unterhalten. Warum also kein Hinweis?

Das Wetter ist gut und bald ziehe ich die zwei paar Handschuhe aus. Es geht immer weiter aufwärts, nur leicht zwar, etwa zwei Meter jeweils um das Schleusenwärterhäuschen herum alle paar Kilometer. Stille Landschaft wie im Frühlingstraum, satt grün und taufeucht bis zum Mittag. Kormorane, ein Milan kreist weit oben. Aufwärts bis zur Seenlandschaft zwischen dem jungen und dem alten Montreux, Montreux-Jeune und Montreux-Vieux: Ab hier haben das Wasser und ich die gleich Richtung.

Erstmal geht's am Rhein entlang doch flussaufwärts

Peugeot hat erst Fahrräder gebaut, dann Autos

Kleine Bäche und Flüsschen begleiten nun den Kanal und mit Rückenwind geht’s flott abwärts bis Montbéliard. Mömpelgard hieß das noch zu Zeiten der französischen Revolution, als es noch zu Württemberg gehörte. Und imposant von unten auf einem Felsen das Schloss des Duc de Wurttemberg. Aber interessanter scheint mir als Radler das Peugeot-Museum, für das ich am Radweg kein Hinweisschild finde. Daher muss ich leider wieder ein paar Kilometer nach Sochaux zurück. Bei Peugeot sind Sägen, Kaffeemühlen, Pfeffermühlen, Waschtrommeln und eben auch Fahrräder lange vor dem dem „Peugeot 504“, dem französischen Volkswagen, gebaut worden.

Der Radweg heißt nun „Eurovelo 6“.

Das Museum zeigt, womit für die Firma Peugeot alles begann – mit Fahrrädern

Und nun der Doubs

Bei Voujaucourt, kurz hinter Montbéliard, kommt der Doubs ins Spiel. Aus dem Schweizer Jura mäandert er heraus und will das herumkurven so beibehalten. Was ihm der Rhein-Rhône-Kanal aber schnell austreibt. Der zapft ihm so viel Wasser ab, dass er stellenweise zum Bach wird. 30 Kilometer noch bis Isle-sur-le-Doubs, nicht immer am Kanal entlang, einmal sehr malerisch zwischen Doubs und Kanal, dann mal durch Dörfer, zwischen Berche und Colombiers-Fontaine über einen Hügel. Am Ziel der Campingplatz unterhalb eines Wehres: Was gestern Autobahnrauschen war, ist heute der Fluss. L´Isle-sur-le-Doubs, der Ort, in dem ich schon wegen des schönen Namens Halt machen wollte, ist von Wasserwegen regelrecht durchzogen. Malerische Hausfassaden an den Kanälen.

Am nächsten Morgen klamme Finger, es ist erst Ende März. Heute bis Besançon. Schnell nach links auf kleiner Landstraße aus dem Ort hinaus und in großer Schleife den Fluss entlang. Wie ist er mächtig, wenn auch das Kanalwasser in ihm fließt. Eine schöne Wegführung des Eurovelo 6, manchmal hoch über dem Tal. Was für eine ausgezeichnete Idee, einen solchen Radweg vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer einzurichten. Auch das zugehörige Kartenset ist empfehlenswert. Wegschilder und Hinweise auf touristische Attraktionen müssen aber sicher noch verbessert werden, wie etwa der Hinweis, dass man von der Strecke abfahren muss, um Baume-les-Dames zu besichtigen, das kleine Städtchen mit dem besonderen Klosterquartier. Ich habe es verpasst.

Bei Vaire-le-Petit, kurz vor Besançon, weitet sich das Tal. Schon von weitem sieht man die Festung Vaubans des Festungsbaumeisters Ludwig des XIV., die hier Zitadelle heißt. Der Radweg führt den Fluss entlang direkt in die Stadt.
Wer keine Lust hat, auf der Zitadelle Zeit zu vertrödeln und auch nicht auf Rad- und Fußwegen den Fluss entlang die Stadt umrunden möchte, also Besançon links liegen lassen will, der kann durch einen Tunnel für Fußgänger und Radfahrer den Festungsberg unterqueren und Richtung Dôle abkürzen.  Autos haben einen eigenen Tunnel.

Die Zitadelle bei Besançon ist schon von Weitem zu sehen

Von Besançon bis Chalon-sur-Saône

Die 66 Kilometer nach Dôle dehnen sich heute länger als die knapp 90 Kilometer gestern. Der Gegenwind gleicht den Vorteil des flussabwärts Fahrens leider aus. Der Frühling ist zu spüren, Wildkirschen blühen hier und da – was für ein Unterschied zum Abfahrtstag vor vier Tagen.

Auch in Dôle liegt der Campingplatz ganz nah am Fluss, Blick auf die Kathedrale und das Gerberviertel unterhalb der Kirche. Louis Pasteur, auch bei uns durchs „Pasteurisieren“ bekannt, wurde 1822 hier geboren. Das Geburtshaus kann man besichtigen.

Kurz hinter Dôle muss man sich entscheiden: weiter am Doubs fahren, der vor allem nachdem die Loue bei Molay hinzugekommen ist immer wildere Pirouetten vollführt, oder dem Eurovelo 6 folgen, der im Großen und Ganzen dem Rhein-Rhône-Kanal entlang und auf direktem Weg zur Saône führt. Ich entscheide mich für den Europaradweg, der dann aber bald für acht Kilometer vom Kanal abrückt und durch das nicht besonders ansprechende Städtchen Tavaux verläuft. In Abergement-la-Ronce ist der Weg zurück am Kanal, unter der Autobahn durch und wieder ruhig mit schönen Ausblicken. Das Land ist flach und hat sich geweitet. Knapp zehn Kilometer weiter, bei Moulin d`Amont die letzte Schleuse vor der Saône, ein kleiner Freizeithafen und dann schon der breite, träg dahinfließende Fluss, der eben mit scharfer Wende von Norden kommend nach Westen geschwenkt ist. Auf gut befahrbarem Radweg knapp über dem Wasser bis St-Jean-de-Losne. Auf der hohen Flußbrücke ein weiter Blick übers flache Land.

Vom Campingplatz bietet sich ein guter Blick auf die imposante Kathedrale von Dôle

Den Radweg verloren

Bei Chaugey führt der Weg eine enge Flussschleife entlang, die durch den Kanal abgekürzt wird und kurz darauf, bei Pagny-le-Château ein Kanal der sich endlos zu strecken scheint, zäh und langweilig. Diese lange Gerade und der wieder aufgekommene Gegenwind tragen nicht gerade zur Freude am Radeln bei. Glücklicherweise führt der Eurovelo bald weg vom Kanal und folgt mal mehr, mal weniger den Windungen der Saône. Die Wege sind nun deutlich „naturnäher“ gestaltet, als am Doubs: Schotter, festgefahrene Kiesmischung, manchmal nur zwei Fahrspuren, hohe Grasstreifen dazwischen, vorbei an Schrebergärten mit freundlichen Familienrunden, vorbei an Anglern.

In Seurre finde ich den Weg am Fluss nicht wieder, auch keine Hinweisschilder. Kurz entschlossen fahre ich über ein Fabrikgelände am Fluss, finde auch meinen Weg bis Verdun-sur-le-Doubs aber den Eurovelo 6 nicht mehr. In Verdun-sur-le-Doubs, dort wo Doubs und Saône zusammenfließen, fühle ich mich am Tagesziel. Zwar schlappe 70 km nur, aber bei der geringen Lust zu fahren heute reicht das. Über die Brücke, ein letzter Blick auf den Doubs und rechts in ein Café. Im Ort überall Wasserläufe, Kanäle auch, aber keine offenen Campingplätze in dieser Jahreszeit. Letztendlich mache ich mich doch auf den Weg nach Chalon-sur-Saône. Leider ist auch hier die Strecke schwierig zu finden – kein Hinweisschild auf einen Radweg versperrt die Sicht auf die weite Landschaft und immer wieder kann ich, wenn ich die Autostraße D970 verlasse, die Richtung nur raten. 100 Kilometer lang dauert der Rad-Tag dann doch.

In Chalon pausiere ich einen Tag lang. Es ist Sonntag und ich habe Zeit für den Sonntagsmarkt an der Kirche St Vincent und für Besichtigungen:  „Der berühmteste Bürger der Stadt ist Joseph Nicéphore Nièpce“, schreibt Wikipedia. Nièpce nannte seine Erfindung selbst „Heliografie“, die als Ursprung der Fotografie bezeichnet wird. Chalon hat seinem berühmten Bürger ein sehenswertes Museum gewidmet.

Pausentag in Chalon-sur-Saône

Weg vom Eurovelo 6 nach Süden

Der Eurovelo 6 führt nun weiter nach Westen zur Loire, ich fahre jedoch südwärts. Rechts der Saône bin ich in zehn Minuten aus der Stadt raus im Auewald. Der Weg wird enger, schließlich nur noch zwei Spurrillen und dann ein Wiesenweg. Natürlich geht es am Fluss nicht so schnell voran, wie auf der Straße, aber die Strecke ist kurzweilig und was heißt schon Zeit verlieren.  Nach einer Stunde habe ich dann doch genug und wechsele bei Marney auf die D 271 nach Gigny, dann wieder runter zur Saone und weiter am Ufer, ein Stück die Bahnlinie entlang und rein nach Tournus, halbe Strecke bis Macon, dem heutigen Tagesziel.

Zu meiner Überraschung geht auch hier der Weg am Fluss weiter immer im Wechsel zwischen Asphalt und Schotter. Immer mal wieder Erklärungstafeln auf Flora und Fauna. Das hält zwar auf, ist aber lesenswert. Ab Fleurville auf dem Voie Bleue in rascher Fahrt nach Macon. Der Voie Bleue de la Saône ist für den Radtourismus von Macon nach Norden bis Heuilley-sur-Saône im Departement Côte-d`Or gedacht als Ergänzung zum Eurovelo 6. Die Franzosen scheinen die Flussufer zu entdecken und zugänglich zu machen. Um halb drei bin ich schon in Macon. Es hatte zwar nach Regen ausgesehen, und das hätte dem hiesigen Chardonnay bestimmt gut getan, ich konnte aber gut darauf verzichten. Die Sonne kommt raus und ich fahre weiter rechts der Saône Richtung Lyon. Das ist ein Fehler: Durch Industrie- und Hafenanlagen bin ich gezwungen auf dem Gehweg an der Nationalstraße 6 zu fahren, später auf der Straße selbst. Richtig wäre gewesen: auf der nächsten Brücke nach St. Laurent die Flussseiten wechseln und den Voie-Bleue-Schildern vertrauen. In Creches-sur-Saône wechsele ich nun die Flussseite und finde in St.-Didier-sur-la-Chalaronne, 15 Kilometer vor Lyon einen offenen Campingplatz. Morgen durch Lyon!

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