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Neuseeland: Otago Central Rail Trail

Beim Bau der ehemaligen Zugstrecke wurden topographische Hindernisse beseitigt (Foto: Christopher Hausmann)
Rail Trail in Otago, Neuseeland

Neuseelands nostalgischer Great Ride

„… Ein Freund von mir ist den Trail in drei Tagen gefahren. Dieser Weg ist eindrucksvoll und abseits der asphaltierten Wege. Die Geschichte ist beeindruckend. Du musst die 150 Kilometer fahren, sonst würdest du es bereuen!“, durchkreuzt ein Neuseeländer in Wanaka meine ursprüngliche Planung der folgenden Tage. Der traumhaft schöne Ort auf der Südinsel Neuseelands zeigt sich an diesem Tag von seiner sonnigen Seite. Über einen Monat trete ich nun schon Tag für Tag in die Pedale, um die Kilometer auf meinem Tacho am anderen Ende der Welt zu erhöhen. Neuseeland mit dem Rad zu durchqueren, war eine schnelle Entscheidung im Frühjahr 2014. Der Herbst des selbigen Jahres bot sich einfach an, zwölf Wochen der Nordhalbkugel den Hinterreifen zu zeigen und in Neuseelands dünn besiedelter Landschaft meine physische und psychische Belastbarkeit auszutesten. Mein Plan war einfach: Zwölf Wochen, zwei Inseln und so günstig wie möglich zu leben. Mit wenig zurechtzukommen. Student sein halt. Den Bachelortitel in der Tasche und das Flugticket in der Hand, brach ich im Oktober 2014 in ein ungewisses Abenteuer auf.

Auffällig ungewöhnlich: Der Drahtesel

Mein einziger Begleiter: Mein Bike. Selbst zusammengebaut und auf die erwarteten Bedürfnisse angepasst, sollte mich der treue Drahtesel die kommenden Wochen sicher durch regenreiche Fjordlandschaften und weitläufige Einöden geleiten. Ich entschloss mich dem Coolnessfaktor wegen für einen Biketrailer und nicht für die herkömmlichen Packtaschen. So hatte ich mein Mountainbike immer dabei. Anhänger abgestellt und rein in den Trail. So der Plan. Doch sitzt man den ganzen Tag im Sattel, lässt man das Rad nach erfolgreicher Ankunft am Tagesziel doch gerne liegen und bedient sich zur Abwechslung seiner Füße. Doch auch ohne den Trailer hatte ich mir ein eher untypisches Bike zusammengestellt. Scheibenbremse und Carbonlenker, Federgabel und ein tubeless Systemlaufrad mit Latexmilch. Ich nahm mir all die Teile, die mich in der Vergangenheit bei meinen Mountainbike-Rennen nie im Stich gelassen hatten, und puzzelte mir ein Unikat zusammen. Das Herzstück ist die 14-Gang Getriebenabe des deutschen Herstellers Rohloff. Schalten ohne Sorgen, bei Regen, Schlamm, Sand. Schalten unter Belastung, schalten im Stand. In unzähligen Situationen war ich dankbar für diese Entscheidung. Getragen wurde die Technik von zwei Schwalbe Racing Ralph MTB Reifen, der hintere mit extra dickem Gummi (Double Defense) – diesen beiden habe ich am Ende der Reise 5300 Kilometer ohne Plattfuß zu verdanken. Und im Trailer? Einen Stapel Funktionsbekleidung, Zelt, Schlafsack und Luftmatratze. Alles qualitativ höherwertig, was sich definitiv ausgezahlt hat.

Wie für Eisenbahn-Strecken üblich, verlaufen die meisten Abschnitte des Otago Rail Trails schnurgerade (Foto: Christopher Hausmann)
Otago Rail Trail in Neuseeland

Und genau dieses Equipment schmort auf einem bescheidenen Campingplatz in Wanaka in der Sonne, während ich mir vorm Supermarkt im Stadtzentrum die Höhenprofile für die nächsten Etappen aus dem freien Wlan Netz kopiere. Doch diese lösen sich in dem Augenblick in Luft auf, als der Herr mittleren Alters mich auf den Otago Central Rail Trail aufmerksam macht. Wanaka liegt ganz grob gesagt im südlichen und westlichen Drittel der Südinsel Neuseelands. Mein Ziel für die nächsten Tage war die Ostküste – das Meer – doch hatte ich ursprünglich asphaltierte Wege im Tourenplan stehen. Ich entscheide mich dennoch, dem Rat des Mannes zu folgen und mir die Broschüre über den Trail aus dem Tourismusbüro zu besorgen.

Mit Rückenwind zum Rail Trail Startpunkt: Clyde

Am nächsten Morgen starte ich bei erneut angenehmen Temperaturen und ordentlichem Rückenwind gen Osten. In Clyde, einer kleinen alten Goldgräberstadt, die in der heutigen Zeit für ihr außerordentlich großes Wasserkraftwerk bekannt ist, startet der Trail. Es besteht die Möglichkeit, sich ein Stempelbuch zu kaufen und seine Reise durch Stempel der einzelnen Destinationen des Trails zu belegen. Ich entscheide mich jedoch dagegen und starte mit rund 85 Kilometern in den Beinen noch am gleichen Tag von Clyde in Richtung Alexandra, die erste auf dem Trail liegende Stadt nach nur 8 Kilometern. Eigentlich wollte ich hier nächtigen, doch der Rückenwind ist ein Geschenk, das ich bis zur Dämmerung ausnutzen muss und ich stoppe hier nur, um meinen Anhänger wieder mit den üblichen Lebensmitteln aufzufüllen. Dosenmilchreis, Nudeln, Tomatensauce und die überlebenswichtigen Kekse wackeln genüsslich auf und ab, während ich mir vor Augen halte, dass der meist grobe Schotter unter meinen Stollen mich noch weitere 140 Kilometer begleiten wird. Und natürlich entschied sich der Wind zu guter Letzt noch gegen mich. Die letzten 30 Kilometer, die ich nach dem Stopp in Alexandra noch bewältigen will, zerstören meinen mühevoll erarbeiteten 27er Schnitt.

Start- und Endpunkt des Otago Central Rail Trails: markiert mit einer Lokomotive (Foto: Christopher Hausmann)
Start- und Endpunkt des Otago Central Rail Trails

Zudem setzt der staubige Untergrund dem Rad mächtig zu. Dank der Rohloff Nabe blieben Schaltprobleme aus, doch die Kette und der Rest des Rades versteckte sich unter einer dicken, bräunlichen Staubschicht. Dank meiner Sparsamkeit hatte ich auf den Kauf von Kettenöl verzichtet und das viel günstigere aber merklich ungeeignetere Sonnenblumenöl aus der untersten Regallage des Supermarktes auf die Kette geschmiert. Und das schon seit Beginn meiner Reise. Ich merke mir: Sonnenblumenöl gehört ins Essen und nicht auf die Kette. Durch die Fliehkraft spritzt der zähe Saft während der Fahrt mich, mein Bike und meinen Anhänger voll. Zudem ist Sonnenblumenöl der ideale Haftgrund für Staub und zeigt mir spätestens hier auf dem Otago Central Rail Trail meinen Fehler auf, als ich meine Kette im Staub erst suchen muss. 37 Kilometer nehme ich dem Trail also an diesem Novembernachmittag noch ab und beende die Etappe mit 123 Kilometern auf dem Tacho in Omakau. Für 10 Neuseelanddollar (ca. 6 €) die Nacht schlage ich mein Zelt auf einem bescheidenen Campingplatz direkt am Weg auf. Für 2 NZD mehr gibt es warme Duschen, worauf ich selbstverständlich verzichte, um mir im nächsten Supermarkt von dem Geld wieder eine Packung Kekse zu kaufen.

Was verbirgt sich hinter der Geschichte?

Ich liege im Zelt und blättere in der kleinen Informationsbroschüre. Der Otago Central Rail Trail hat neben seiner grobkörnigen und staubigen Oberfläche noch eine zweite nervenstrapazierende Eigenschaft: Die Geradlinigkeit. Schnurgerade verlaufen die meisten Abschnitte, sodass man gefühlt kaum vorankommt. Dagegen motiviert das dritte Merkmal des Trails auf den ersten 70 Kilometern: Die Steigung. Ganz kontinuierlich legt man auf dieser Wegstrecke 450 Höhenmeter zurück. Das Schöne daran ist, dass sich im zweiten Teil des Trails die 450 Höhenmeter im Gefälle widerspiegeln und man über 70 Kilometer bergab fahren kann. Die Topographie und Beschaffenheit dieses Radweges steht in direktem Zusammenhang mit dessen Geschichte.

Bis zum Horizont und noch viel weiter … hoffnungsvoll wartet man auf eine Kurve (Foto: Christopher Hausmann)
Otago Central Rail Trail in Neuseeland

Erbaut zwischen 1891 und 1907 diente die damalige Zugstrecke dem Goldabbau. Von und nach Clyde wurden hier Werkzeuge, Nahrung, Wolle und Vieh transportiert, um Clyde von Dunedin aus zu versorgen und die Goldwirtschaft zu unterstützen. Nachdem das Gold großteils abgebaut war und die asphaltierten Straßen zu dominieren begannen, wurde die alte Zugstrecke nicht mehr benötigt und in den 1980ern stillgelegt. Seit dem Jahr 2000 ist der schmale Weg nach einer Restauration nun für Radfahrer, Wanderer und Pferde freigegeben und von Schienen befreit. Mir sind an diesem Tag einige kleine Gruppen an Radfahrern begegnet, die meist nur kurze Abschnitte fuhren. Es wird zudem ein Shuttle angeboten, der die am Ziel angekommenen Sportler wieder zum Ausgangspunkt zurückbringen kann. Vor allem das Wild West-Feeling hat mich schwer begeistert. Den ganzen Tag schmücken schroffe Felsen und Saloons ähnelnde Farmgebäude das Umfeld des Trails. Wie im Film, nur viel inspirierender. Und meine Begeisterung sollte sich am nächsten Tag noch steigern.

Schroffe Felsen charakterisieren das nostalgische Wild-West-Feeling (Foto: Christopher Hausmann)
Felsenlandschaft auf dem Otagon Central Rail Trail

Tag zwei auf dem Trail: Immer geradeaus

Gähnend luge ich am nächsten Morgen aus dem Zelt. Es regnet leicht; natürlich. Nach meinem von Haferflocken, Weißbrot und Nutella dominierten Frühstück schwinge ich meinen strapazierten Hintern wieder in den Sattel und setze meine Reise fort. Richtung Osten. Und der Osten ist in Neuseeland grundsätzlich trockener als der Westen, sodass ich mich schon nach wenigen Kilometern meiner Regenbekleidung entledigen kann. Ein wertvoller Tipp: Neuseeland ist regenreich, aber meist warm. Eine kurze Löffler Regenjacke mit atmungsaktiver Membran eignet sich hier ideal. Dieser Spontankauf eine Woche vor dem Abflug sollte eines der meisten getragenen Oberteile der ganzen Reise werden. Nun binde ich sie auf den Anhänger, in direkter Spritzrichtung zum Sonnenblumenöl und pedaliere auf ein schwarzes Loch in einiger Entfernung zu. Einer von zwei sehr kleinen, sehr dunklen Tunneln öffnet sein Tor vor meinem Vorderreifen. Ohne Beleuchtung geht hier nichts weiter und so schnalle ich mir die bis dato im Rucksack versunkene 2000 Lumen Lampe auf den Carbonlenker. Als ich mitten im Tunnel die Lampe kurz ausschalte, umgibt mich geheimnisvolle Dunkelheit. Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so wenig gesehen. Die alten Eisenbahntunnel definieren sich zudem mit durchlässigen Wänden und Deckenabschnitten, wodurch kontinuierlich Tropfen auf meinen Körper fallen und auf dem Boden große Lachen bilden. Ein herrliches Ambiente!

Ein Blick zurück in den schmalen ehemaligen Eisenbahntunnel (Foto: Christopher Hausmann)
Eisenbahntunnel Otago Rail Trail in Neuseeland

Nur einige Kilometer weiter erreiche ich ihn endlich, den höchsten Punkt. Trist und karg wirkt die Landschaft inzwischen. Keine schroffen Felsen mehr, kein Saloon. Nur flaches, weites Land. Für einen ausgebildeten Geographen offenbart sich für mich dann kurze Zeit später ein weiteres Highlight. Am 45. Breitengrad Süd kann ich mich stolz neben der Markierung genau zwischen Äquator und Südpol positionieren. Mehrere Male kreuze ich auf meiner Reise diesen Breitenkreis, jedes Mal erfreue ich mich daran wie ein kleines Kind.

Geographisch wertvoll: Der 45. Breitengrad Süd (Foto: Christopher Hausmann)
Markierung 45. Breitengrad in Neuseeland

Für den heutigen Abend steuere ich nach 87 Kilometern einen „informal Campsite“ in Tiroiti an. Ich erhoffe mir einen günstigen Übernachtungsplatz und bekomme sogar einen für lau. Daraufhin schießen die Mundwinkel in die Höhe. Am Wegesrand kann ich ein Plumpsklo ausmachen, das meinen Schlafplatz markiert. Ich bremse die Böschung hinter dem Plumpsklo hinunter zu einem kleinen Fluss unter Bäumen, aus dem ich in der frühen Abendsonne nach Aufbau des Lagers mein Nudelwasser schöpfe und meine Bekleidung wasche. Ohne Waschmittel versteht sich; Verunreinigungen der sauberen neuseeländischen Gewässer sind stets zu unterlassen. Am anderen Ufer stehen Schafe und während ich mir die Nudeln in den Mund schaufle frage ich mich, ob die Exkremente der Tiere möglicherweise in dem Flusswasser landen, mit dem ich gerade meine Nudeln gekocht habe. Ich sollte keine Schäden davon tragen. Danach entscheide ich mich für ein kurzes Bad im Fluss. Unter dem Blöken meiner tierischen Nachbarn tauche ich einmal kurz unter Wasser und reibe bibbernd meinen Schweiß von der Haut. Und wieder Geld gespart.

Einsamer, idyllischer Übernachtungsplatz direkt am Fluss (Foto: Christopher Hausmann)
Neuseeland: Otago Central Rail Trail

Die finale Etappe

Den letzten Abschnitt des Otago Central Rail Trails nehme ich am nächsten Tag in Angriff. Nach dem zweiten Tunnel geht der Weg wie gewohnt schnurgerade in Richtung Middlemarch, der Endstation dieser historischen Reise. Hartnäckiger Seitenwind drückt mir auf den letzten 36 Kilometern ordentlich das Vorderrad zur Seite und trainiert meine Balancefähigkeiten mit dem Anhänger. Endlich wieder auf Asphalt angekommen, halte ich ein letztes Mal an und betrachte die Willkommenstafel des Railtrails. Voller nostalgischer Gefühle kann ich mir meine nächsten Ziele setzen. Ich biege nach links ab und fahre einige Kilometer gen Norden, den Wind im Nacken. Die Kleinstadt Middlemarch mit ihren schätzungsweise fünf Häusern liegt verlassen da. Ein Blick zurück an den Himmel offenbart mir eine näherkommende Gewitterfront mit Sturmböen und Temperatursturz. Während sich im selben Augenblick der Asphalt wieder in groben Schotter verwandelt und ich für die nächsten 50 Kilometer hügeliges Nirgendwo erwarten darf, krönen unzählige gruselige Schafsköpfe und -felle auf Stacheldrahtzäunen mein mulmiger werdendes Gefühl beim Ertönen des Donnergrollens hinter mir, doch das ist eine andere Geschichte …

Der Start am letzten Morgen wird durch die frühen Sonnenstrahlen ins perfekte Licht gesetzt (Foto: Christopher Hausmann)
Otago Central Rail Trail

Der Otago Central Rail Trail war definitiv eine der schönsten Etappen auf meiner Reise. Vor allem das nostalgische Flair hat mich sehr fasziniert. Die unten angeführte Homepage ist übersichtlich aufgebaut und enthält alle wichtigen Informationen zum Nachlesen. Die vor Ort erhältliche Broschüre ist sehr detailliert und aussagekräftig. Schlafmöglichkeiten gibt es viele für Zeltabenteurer. Pensionen sind ebenfalls in mehreren Städten vorhanden. Die 150 Kilometer werden auf drei bis fünf Etappen eingeteilt, ohne Gepäck kann man allerdings die Strecke auch an einem oder in zwei Tagen zurücklegen.

http://www.otagorailtrail.co.nz

Ab und zu passiert man auf dem Otago Central Rail Trail eine alte Eisenbahnbrücke (Foto: Christopher Hausmann)
Eisenbahnbrücke auf dem Otago Central Rail Trail

Text und Fotos: Christopher Hausmann

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Radtouren.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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